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Antisemitismus in Europa – Der Hass ist zurück. Nur höflicher verpackt

  • 3. Mai
  • 3 Min. Lesezeit
Schmiererei an einer Hauswand in Berlin mit dem Satz „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“ in schwarzer Farbe; Teile der Parole wurden notdürftig mit Papier überklebt, die Wand ist gelb verputzt und der Boden besteht aus Kopfsteinpflaster.
Bild Quelle: Jüdische Allgemeine

Antisemitismus in Europa – Der Hass ist zurück. Nur höflicher verpackt

Warum Schweigen, Relativieren und selektive Empörung längst Teil des Problems geworden sind


Antisemitismus ist wieder sichtbar geworden. In Europa. In Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Nicht nur als alter, rechter, plumper Judenhass. Seit dem 7. Oktober 2023 zeigt sich auch ein linker Antisemitismus, oft getarnt als „Antizionismus“, getragen von Teilen der pro-palästinensischen Bewegung – und immer wieder von Milieus, die Hamas-Terror relativieren oder verharmlosen.


Man nennt es Aktivismus. Solidarität. Kontext. Wut. Widerstand. Am Ende steht ein jüdischer Student vor der Universität und überlegt, ob die Kippa heute zu gefährlich ist. Ein israelisches Restaurant überlegt, ob es den Namen besser versteckt. Eine jüdische Familie überlegt, ob Europa noch Heimat ist.


Wenn Häuser mit Sätzen wie „Nur ein toter Jude ist ein guter Jude“ beschmiert werden, dann ist das kein Protest, keine Meinung und kein gesellschaftlicher Randton. Das ist blanker eliminatorischer Antisemitismus. Und wenn Verbände, Institutionen und Politik dazu schweigen – oder nur gelegentlich moralische Pflichtübungen abliefern –, dann wird aus Schweigen Mitverantwortung.


Auch diese Floskel vom „Existenzrecht Israels“ gehört endlich ehrlich betrachtet. Wurde jemals ernsthaft über das Existenzrecht von Deutschland, Spanien oder Australien gesprochen? Nein. Nur beim jüdischen Staat klingt es plötzlich wie eine großzügige politische Konzession. Genau darin liegt das Problem.


Wenn große Teile der medialen Öffentlichkeit — auch im Mainstream — diesen Antisemitismus nur selektiv wahrnehmen, den linken Anteil kleinreden oder ihn hinter Nahost-Erklärungen verstecken, dann ist das keine Einordnung mehr. Dann ist es Verharmlosung. Wer Antisemitismus nur erkennt, wenn er ins eigene politische Weltbild passt, bekämpft ihn nicht. Er verwaltet ihn.


In London wurden zwei jüdische Männer bei einem Angriff verletzt. In Berlin berichten jüdische Studierende und Bürger von Einschüchterung, Beschimpfungen und einem Alltag, der sich nicht mehr frei anfühlt. Universitäten, die Orte des Denkens sein sollten, sind für viele jüdische Studenten seit dem 7. Oktober zu Räumen der Unsicherheit geworden.


Auch jüdische und israelische Restaurants geraten unter Druck. Drohungen, Boykottaufrufe, Proteste. Manchmal reicht schon ein israelischer Bezug, damit aus Gastronomie plötzlich ein politisches Feindbild wird. Das ist kein Streit um Nahost. Das ist der Versuch, jüdisches und israelisches Leben aus dem öffentlichen Raum zu drängen.


Juden in Europa denken wieder über Auswanderung nach. Auch aus Deutschland. Für eine offene Gesellschaft ist das ein Armutszeugnis. Man spricht viel über Integration, Vielfalt und Zusammenhalt – und lässt gleichzeitig zu, dass jüdische Bürger innerlich ihre Koffer packen. Allein dieser Gedanke ist schlimm genug.


Deutschland beschäftigt sich leidenschaftlich mit der Umbenennung von U-Bahn-Stationen. Die Mohrenstraße wurde zum Symbol moralischer Selbstvergewisserung; der erste Namensvorschlag führte ausgerechnet zu neuen Debatten wegen antisemitischer Bezüge. Gleichzeitig fehlt oft dieselbe Energie, wenn es um Judenhass, Fremdenhass und reale Bedrohungen im Alltag geht. Symbolpolitik ersetzt keine Haltung.

Wenn junge Männer in Berlin offen sagen, dass sie im Zweifel eher der Scharia folgen würden als dem deutschen Grundgesetz, dann ist das kein Randproblem. Das ist ein Angriff auf die gemeinsame Grundlage dieses Landes. Wer dazu schweigt, schützt nicht den Frieden. Er schützt die Illusion.


Das alles gefährdet unsere Demokratie. Und es wird leider zu oft ignoriert.


Australien hat gezeigt, wohin diese Entwicklung führen kann. Beim Terroranschlag am Bondi Beach am 14. Dezember 2025 wurden bei einer Chanukka-Veranstaltung 15 Menschen getötet und zahlreiche weitere verletzt. Was dort passiert ist, kann auch in Europa passieren, wenn Warnsignale ignoriert werden.


Es gibt keinen „latenten“ Antisemitismus, wenn Juden bedroht, beschimpft oder angegriffen werden. Es gibt Antisemitismus. Punkt. Von rechts, wo die NS-Zeit als „Vogelschiss“ verharmlost wird. Von links, wo Zionismus zum Feindbild erklärt und Israel dämonisiert wird. Aus islamistischen Milieus, wo der Hass religiös aufgeladen wird. Unterschiedliche Verpackung, gleiches Ziel.


Deutschland liebt seine Gedenkreden. Europa liebt seine Mahnmale. Aber wenn Juden heute wieder bedroht werden, wird geprüft, relativiert und eingeordnet. Früher hieß es: Wehret den Anfängen. Heute klingt es oft nach: Bitte erst das politische Lager klären.


Wer „Nie wieder“ sagt, aber bei jüdischen Restaurants schweigt, hat nichts verstanden. Wer Antisemitismus nur dann erkennt, wenn er von rechts kommt, hat ebenfalls nichts verstanden. Wer Israelhass als Aktivismus verkauft, macht sich etwas vor.


Antisemitismus war nie normal.Antisemitismus darf nie normal werden.Und wer jetzt schweigt, entscheidet sich nicht für Neutralität, sondern für Bequemlichkeit.


Quellen / Hinweise:


 
 
 

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