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Berlin landet nicht: Eine Hauptstadt verliert Anschluss

  • vor 5 Tagen
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Flughafen mit "BERLIN ABGEHÄNGT!"-Schild, Abflugtafel zeigt Verspätungen. Flugzeug im Hintergrund, trübe Stimmung am Himmel.
Bild: KI - Berlin landet nicht: Eine Hauptstadt verliert Anschluss

Weniger Übernachtungen, weniger Flugverbindungen, City Tax auf Rekordniveau – und trotzdem diskutiert Berlin über angeblich zu viele Hotelbetten


Berlin ist eine Stadt mit Weltformat – und einer erstaunlichen Fähigkeit, sich selbst auszubremsen.


Der erste Eindruck entsteht nicht am Brandenburger Tor, sondern am Flughafen. Genau dort beginnt die Geschichte. Weniger Flugverbindungen, steigende Kosten, eine Airline reduziert ihr Engagement, der Standort wird schwächer. Berlin ist erreichbar – aber nicht selbstverständlich erreichbar. Für eine Hauptstadt ist das ein bemerkenswerter Zustand.


Unter dem Stichwort Erreichbarkeit wird das Problem besonders sichtbar. Ryanair will seine Basis am BER zum 24. Oktober 2026 schließen, sieben stationierte Flugzeuge abziehen und das Angebot von und nach Berlin im Winterflugplan um rund 50 Prozent reduzieren. Laut Tagesspiegel sind am Standort rund 210 Arbeitsplätze betroffen; Ryanair nennt hohe Kosten, Steuern und Gebühren als Grund. Die Flughafengesellschaft widerspricht einzelnen Darstellungen zu künftigen Entgelten. Trotzdem bleibt das Signal klar: Wenn Flugverbindungen verschwinden, verliert Berlin Gäste, Kongresse, Hotelnächte, Restaurantumsätze und internationale Sichtbarkeit.


Besonders bitter: Ryanair will den Wartungshangar am BER weiter betreiben. Berlin bekommt also Wartung – aber weniger Gäste. Diese Pointe müsste man in anderen Städten erfinden. In Berlin passiert sie einfach.


Dazu passt das Bild der Lufthansa. Der deutsche National Carrier behandelt Berlin eher als Zubringerstandort denn als Hauptstadtflughafen. Berlin wird vor allem über die Drehkreuze Frankfurt und München angebunden. Internationale Hauptstadtfunktion sieht anders aus. Für eine Hauptstadt ist das bemerkenswert schwach. Es ist, als würde man eine Bühne bauen – und den Hauptdarsteller über einen Hintereingang schicken.


Die Folgen zeigen sich in den Zahlen. 2019 lag Berlin bei rund 14 Millionen Gästen und 34 Millionen Übernachtungen. 2024 waren es 12,7 Millionen Gäste und 30,6 Millionen Übernachtungen. 2025 fiel Berlin wieder zurück auf 12,4 Millionen Gäste und 29,4 Millionen Übernachtungen. Keine Katastrophe. Aber auch kein Aufbruch.


Gleichzeitig erreicht die City Tax neue Rekorde. 2023 lagen die Einnahmen bei 58,7 Millionen Euro, 2024 bei 89,6 Millionen Euro, 2025 bei 150,35 Millionen Euro. Berlin verdient also kräftig am Tourismus – aber eine sichtbare, große Strategie für die Zukunft dieser Branche entsteht daraus nicht.


Hier liegt der Widerspruch. Die Stadt behandelt Tourismus zu oft wie eine Einnahmequelle, nicht wie eine strategische Branche. Man nimmt das Geld. Aber wo ist der Plan?


Dabei geht es längst nicht nur um Hotels. Vom Tourismus und Kongressgeschäft lebt eine ganze Stadtkette: Einzelhandel, Gastronomie, Kultur, Taxigewerbe, Messebau, Technik, Handwerk, Dienstleister, Wäschereien, Floristen, Reinigungsfirmen, Lebensmittelhändler und Sicherheitsdienste. Jeder fehlende Kongress, jede gestrichene Verbindung und jede nicht gebuchte Nacht zieht Kreise. Tourismus ist kein Segment. Tourismus ist ein System.


Dabei stehen nicht ein paar Hotelzimmer auf dem Spiel, sondern ein relevanter Teil der Berliner Wirtschaft. Laut offizieller Berliner Darstellung hängen rund 224.800 Arbeitsplätze direkt oder indirekt am Berlin-Tourismus. Die Visitor Economy steht für 15,1 Milliarden Euro touristischen Konsum und 8,4 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung. Wer Tourismus und Kongressgeschäft schwächt, riskiert also nicht nur weniger Gäste, sondern Einkommen, Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze, Zulieferer, Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleistung.


Das zeigt sich besonders am ICC. Ein Gebäude, das längst wieder ein Motor für Kongresse sein könnte. Stattdessen: Verfahren, Konzepte, Zeitpläne. Bewegung ist angekündigt. Sichtbar ist sie noch nicht. Berlin kann warten. Der Markt eher nicht.


Parallel wird über neue Hotels diskutiert. Mehr als 100 Projekte stehen im Raum. Statt diese Dynamik als mögliches Vertrauen in den Standort zu lesen, wird sie politisch vor allem problematisiert. Natürlich braucht Stadtentwicklung Regeln. Aber Investoren bauen Hotels nicht aus Laune. Sie prüfen Märkte, Nachfrage, Standorte, Finanzierung, Risiken und Rendite. Man darf vermuten: Wer Millionen investiert, hat vorher genauer gerechnet als manche politische Stellungnahme, die vor allem nach schneller Schlagzeile klingt.


Gerade die Grünen bestätigen hier leider ein bekanntes Muster: Aus einer wirtschaftlichen Chance wird zuerst ein Regulierungsproblem gemacht. Wer bei sinkenden Übernachtungszahlen über angeblich zu viele Hotelbetten spricht, sollte zumindest erklären, auf welcher belastbaren Analyse diese Sorge beruht.


Auch bei großen Projekten bleibt Berlin sich treu. Olympia, Expo, internationale Events – alles wird geprüft, bewertet, diskutiert. Entscheidungen folgen später. Manchmal sehr viel später. Es ist eine dieser Berliner Volten, bei denen Beteiligung wie Mut aussieht – und am Ende doch nur die Entscheidung vertagt.


Und dennoch: Berlin ist nicht das Problem. Die Stadt hat alles, was sie braucht. Geschichte, Kultur, Kreativität, Hotels, Gastronomie, Einzelhandel, Wissenschaft. Berlin muss man nicht neu erfinden.


Berlin muss funktionieren.


Heute sind es oft private Initiativen, die das leisten. Hotels, Gastronomen, Veranstalter, Unternehmer. Sie holen Gäste, Konferenzen und Sichtbarkeit in die Stadt. Sie machen, was eigentlich Aufgabe einer klaren Strategie wäre.


Eine echte Strategie wäre nicht kompliziert. Berlin müsste die City-Tax-Mittel sichtbarer in internationale Vermarktung und Kongressakquise lenken, das ICC als ernsthaften MICE-Standort zurückbringen, mit BER und Airlines eine Wachstumsagenda verhandeln und Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel und Kultur als gemeinsame Visitor Economy behandeln. Nicht jeder Punkt wäre einfach. Aber keiner davon ist exotisch.


Wenn politische Lager Tourismus vor allem begrenzen, verteuern oder symbolisch bewerten wollen, wenn der Senat weiter ohne erkennbare Vision agiert und wenn Verbände sowie Interessenvertretungen zu leise bleiben, verliert Berlin mehr als Besucher. Dann verliert die Stadt Wirtschaftskraft – und gewinnt am Ende vor allem eines: Arbeitslose.


Spätestens vor den nächsten Wahlen sollte jede Partei erklären, wie sie Tourismus, Kongresse und Erreichbarkeit konkret stärken will. Nicht mit Worten. Mit Entscheidungen.


Fazit

Berlin hat kein Problem mit zu vielen Gästen. Berlin hat ein Problem mit zu wenig Richtung. Wer Tourismus besteuert, Flugverbindungen verliert, Investitionen problematisiert und Kongressinfrastruktur vertagt, verwechselt Debatte mit Strategie.

Diese Stadt braucht keine neue Erzählung.

Sie braucht Führung.


Quellen:

Amt für Statistik Berlin-Brandenburg | visitBerlin: Tourismuszahlen Berlin 2024 und 2025.Senatsverwaltung Berlin | visitBerlin: Visitor Economy, touristischer Konsum, Bruttowertschöpfung und Arbeitsplätze.Tagesspiegel: City-Tax-Einnahmen 2023–2025; Ryanair-Rückzug vom BER, 50 Prozent weniger Flüge, 210 betroffene Arbeitsplätze.Reuters | Ryanair: Schließung der Ryanair-Basis am BER zum 24. Oktober 2026 und Verlagerung der sieben stationierten Flugzeuge.Tagesspiegel | Berliner Medien: Debatte über neue Hotelprojekte und angeblich zu viele Hotelbetten in Berlin.Senat Berlin: Stand des ICC-Konzeptverfahrens.DOSB | Medienberichte: Zeitplan zur möglichen deutschen Bewerbung für künftige Sommerspiele.


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