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Wenn Iraner für Freiheit kämpfen und die deutsche Moral Pause macht

  • Autorenbild: Zeev Rosenberg
    Zeev Rosenberg
  • 11. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Löwe-und-Sonne-Flagge – auf Persisch Shir-o-Khorshid
Löwe-und-Sonne-Flagge – auf Persisch Shir-o-Khorshid

Das Bild passt. Keine Inszenierung, keine Symbolpolitik, keine wohlfeile Empörung. Geschlossene Läden, entschlossene Gesichter, Menschen ohne Schutz, aber mit Haltung. Genau diese Nüchternheit beschreibt die Proteste im Iran besser als jede Parole.


Seit dem 28. Dezember 2025 protestiert das iranische Volk gegen das Mullah-Regime. Der Anfang lag nicht an Universitäten und nicht in intellektuellen Zirkeln, sondern dort, wo Macht im Iran traditionell verankert war: im Großen Basar von Teheran. Händler schlossen ihre Geschäfte und gingen auf die Straße. Ausgerechnet jene Gruppe, die lange als regime-nah galt, entzog dem System öffentlich die Loyalität. Das war kein Symbol, sondern ein Bruch.


Von dort aus griffen die Proteste landesweit um sich. Ohne Anführer (bis zum 8.1.26), ohne Parteien, ohne Inszenierung. Frauen und Männer, Händler, Arbeiter, Studierende. Nicht aus Ideologie, sondern aus Not. Inflation über 40 Prozent, entwertete Währung, steigende Lebensmittelpreise, Strom- und Wasserausfälle – Alltag als Dauerkrise.


Währenddessen investierte das Regime über Jahre Milliarden in Militär, Raketen und Atomambitionen – in Terror und seine Stellvertreterkriege. Geld fließt nach Gaza, in den Libanon und in den Jemen. Für das eigene Volk bleibt Verachtung. Religiöse Repression trifft auf ökonomisches Versagen – eine Mischung, die kein System dauerhaft stabil hält.


Die Antwort des Regimes ist bekannt: Gewalt, Verhaftungen, Internet-Blackouts, Tote. Einschüchterung als Methode. Doch diesmal funktioniert sie schlechter. Wenn Händler protestieren und Städte stillstehen, geht es nicht mehr um einzelne Forderungen, sondern um Legitimität.


Und während im Iran Menschen ihr Leben riskieren, lohnt der Blick nach Deutschland. Oder genauer: auf das, was nicht geschah. Öffentlich-rechtliche Medien wie ARD und ZDF reagierten spät und auffallend vorsichtig. Erst Tage später rückte das Thema nach vorne – dann gern gerahmt als geopolitische Analyse. Die Frage nach einem möglichen Regimewechsel ist legitim. Das anfängliche Zögern war es nicht.


Noch deutlicher ist das Schweigen jener, die sonst moralisch sehr präsent sind. Große Teile der Kulturszene, prominente Intellektuelle, linke Aktivistengruppen und Mainstream-Prominenz übersehen konsequent alles, was nicht ins eigene Deutungsmuster passt. Das ist kein neues Phänomen: Sudan, Nigeria, Jemen – lange kaum beachtet. Jetzt Iran. Leid zählt offenbar nur dann, wenn es politisch verwertbar ist oder ins vertraute Narrativ passt.

Das ist keine Nachlässigkeit, sondern Selektivität. Und Selektivität untergräbt jede moralische Autorität.


Hier liegt der Kern: Werte und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.Werte zeigen sich nicht in Statements, Briefen oder Preisreden, sondern in der Bereitschaft, auch dann Position zu beziehen, wenn es unbequem wird. Ehrlichkeit beginnt nicht beim politischen Gegner, sondern bei der eigenen Rolle. Wer für Gerechtigkeit eintritt, muss akzeptieren, dass sie nicht immer in die eigene Ideologie passt.

Ehrlich zu sich selbst zu sein heißt anzuerkennen, dass Solidarität nicht nach Sympathie verteilt werden kann. Wer Menschenrechte nur dort verteidigt, wo es anschlussfähig ist, verteidigt sie nicht – er verwaltet sie.


Eines fällt dabei klar auf: Die jüdische Zivilgesellschaft steht sichtbar und kontinuierlich an der Seite des iranischen Volkes. Öffentlich, ohne taktisches Schweigen, ohne ideologische Ausflüchte. Haltung statt Pose. Genau diese Konsequenz fehlt bei großen Teilen der deutschen Wohlstands-Elite. Wer schweigt, sollte über Werte nicht belehren.

Oder, nüchtern formuliert mit den Worten von Ricky Gervais:„Ihr seid nicht in der Position, der Öffentlichkeit irgendetwas zu erklären.“Auch von der politischen Linken kommt wenig. Gegen Israel wurde laut demonstriert, skandiert und vereinfacht. Beim Iran bleibt es still. Nicht aus Mangel an Informationen, sondern weil der Unterdrücker hier kein westlicher Akteur ist. Das passt nicht zur gewohnten Erzählung.


Fazit:Der Iran zeigt, was Mut kostet. Deutschland zeigt, wie bequem Schweigen sein kann.Werte beweisen sich nicht in Erklärungen, sondern im Handeln – gerade dann, wenn kein Applaus winkt. Wer Moral nur selektiv anwendet, vertritt keine Haltung, sondern ein Milieu. Und wer heute schweigt, sollte morgen nicht über Werte sprechen.

 
 
 

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