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Apfel, Honig, Polizeischutz

13. Sept.
8 Min. Lesezeit
Der Beitrag verbindet Rosch Haschana und die Berlin-Wahl 2026 mit einer Kritik an Antisemitismus von rechts, links und aus dem islamistischen Spektrum. Er fordert dauerhaften Schutz jüdischer Einrichtungen, konsequente politische Verantwortung und eine Stärkung der demokratischen Mitte.
Bild: KI - Apfel, Honig, Polizeischutz

Rosch Haschana, eine Woche vor einer Wahl in Berlin, in der die Mitte um ihre eigene Stadt kämpft


Ein gedeckter Tisch, eine Kerze, ein Teller mit Apfelscheiben und Honig. Rosch Haschana ist kein lautes Fest. Es ist das Fest, an dem man sich hinsetzt und ehrlich wird: Was war dieses Jahr? Und was traue ich dem nächsten zu? Das süße Stück Apfel ist dabei keine Deko, sondern ein Versprechen an sich selbst.


Der zweite Teil fällt mir in diesem Jahr schwer.


Der Kalender hat sich diesmal einen bitteren Scherz erlaubt. Der Beginn des Festes fiel auf den 11. September. Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die Türme fielen. Viele von uns wissen noch, wo sie standen, als die zweite Maschine einschlug.


Dieser Tag hat nicht nur die Welt verändert. Er hat ein Wort auf die Tagesordnung gesetzt, das vorher kaum jemand benutzte: Islamismus. Und er hat das dort getan, wo man sich am sichersten wähnte — in der offensten Gesellschaft des Westens, mitten in ihrer größten Stadt. Wenn daraus etwas zu lernen war, dann dies: Freiheit allein schützt vor gar nichts. Damals war die Empörung wenigstens noch global und eindeutig. Heute muss man um jede Eindeutigkeit einzeln kämpfen.


Fünf Tage vor dem Fest hat Sachsen-Anhalt gewählt. 43,8 Prozent für die AfD, die CDU bei 17,2 Prozent, ein historischer Tiefpunkt, die absolute Mehrheit der Sitze nur knapp verfehlt. Wahlbeteiligung: 77,8 Prozent. Das war keine Protestnote aus dem Bauch heraus. Das waren Menschen, die früh aufgestanden sind, weil sie genau das wollten.


Der Rand von rechts – und der von links

Am 20. September wählt Berlin. Die Umfragen der letzten Tage zeigen ein Feld, das sich fast nicht mehr sortieren lässt: die Linke bei etwa 21 Prozent, die CDU knapp dahinter, die AfD bei rund 18, deutlich stärker als 2023. Rechnerisch wird es ohne eine der beiden Ränder eng bis unmöglich.


Der Antisemitismus, über den in dieser Stadt zu reden wäre, sitzt nicht nur in Parteien. Er kommt, wie die Meldestellen seit Jahren dokumentieren, aus allen Milieus — von rechts, von links und aus dem islamistischen Spektrum. Auf dem Stimmzettel stehen am 20. September allerdings Parteien. Also von denen.


Über die AfD lässt sich das schnell konkret machen. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der Partei, die gerade 43,8 Prozent geholt hat, wurde vier Tage nach dem Wahlsieg auf einer Pressekonferenz nach der geplanten Ansiedlung eines Rüstungsproduzenten in Sangerhausen gefragt — und befürwortete sie mit der Begründung, bei der späteren „Remigrations- und Abschiebeoffensive" brauche man schließlich entsprechende Hilfsmittel. Beatrix von Storch, stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion, brachte dasselbe Vorhaben in einer Dokumentation dieses Jahres auf den Punkt: Den Menschen sei egal, wie man es nenne, „die wollen, dass die Leute gehen, und zwar schnell". Und Stephan Brandner, heute einer der stellvertretenden Bundesvorsitzenden, verbreitete nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle einen Beitrag weiter, in dem gefragt wurde, warum Politiker mit Kerzen in Synagogen und Moscheen herumstünden; der Zentralrat der Juden nannte das antisemitisch, der Rechtsausschuss des Bundestages wählte ihn als Vorsitzenden ab, zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses. Kaltgestellt wurde er danach nicht. Befördert schon. Das ist keine Interpretation und keine Unterstellung, das sind Protokolle.


Schwieriger ist der andere Rand. Über die Linke wird seltener in diesen Kategorien gesprochen, und genau das ist Teil des Problems.


Team Recherche der ARD hat gerade eine Reportage über das Netzwerk marx21 veröffentlicht, das innerhalb der Linken organisiert ist. Zitiert wird daraus ein Text, in dem Israel nicht kritisiert, sondern eingeordnet wird — als Bestandteil des westlichen Imperialismus, der „in der gesamten Region zerstört werden" müsse. Der Bundesgeschäftsführer der Linken bekommt das Zitat im Interview vorgelegt, liest es, und nennt es: antisemitisch. Eine Landtagsabgeordnete derselben Partei sagt vor der Kamera, dass es in den eigenen Reihen gar nicht so wenige gibt, die das Existenzrecht Israels für verhandelbar halten.


Das ist der Punkt. Nicht latent. Nicht diffus. Nicht „Einzelfälle". Sondern vorgelesen, bestätigt und trotzdem folgenlos.


Wer den Antisemitismus in den eigenen Strukturen erkennt, muss ihn auch ausräumen. Einzelne in der Partei sagen das seit Jahren, offen und unter Kollegen. Sie setzen sich nur nicht durch, und genau das ist der Befund. Solange die Partei ihren Neuköllner Kreisverband und ihre Jugendorganisation nicht in den Griff bekommt, sind Parteitagsbeschlüsse zum Existenzrecht Israels Papier. Papier ist geduldig. Jüdische Berlinerinnen und Berliner sind es nicht mehr.


Wie so etwas anfängt

Vor ein paar Tagen bin ich in Annika Büsings Roman „Magisch" über eine Seite gestolpert, die seitdem nicht weggeht. Ihre Erzählerin versucht zu erklären, wie aus einem Jungen, der Frösche und Igel retten wollte, ein Nazi wird. Ihre Antwort ist unspektakulär und genau deshalb so unangenehm: Es beginnt mit dem Gefühl, dass einem mehr zusteht als anderen. Daraus wird eine Überzeugung. Dann werden die anderen zur Bedrohung, weil sie einem angeblich etwas wegnehmen — Arbeit, Wohlstand, Sprache. Und wenn doch einmal ein Zweifel kommt, gibt es Freunde, die ihn schnell wieder wegräumen. Der Graben wird breiter, man kennt die anderen nur noch aus der Entfernung, und am Ende, schreibt sie, „vielleicht wird man darüber vergessen, wer man selbst ist".


Kein Wort über Fahnen, kein Wort über Lager. Nur die Mechanik. Und die funktioniert an beiden Rändern identisch. Der eine Rand sagt „Volk", der andere sagt „Imperialismus". Beide brauchen die anderen, um sich selbst zu erkennen. Beide haben am Ende dieselbe Adresse: uns.


Der Bruch mit der historischen Erfahrung ist dabei erstaunlich komplett. Gemeint ist nicht die Sozialdemokratie — gemeint ist der real existierende Sozialismus: die Sowjetunion, China unter Mao, Kuba. Und, direkt vor der Haustür, die DDR. Die Bilanz ist nachlesbar und unstrittig: Straflager, Zensur, Mauer, Schießbefehl, Millionen Tote, und für hunderte Millionen Menschen ein Leben, in dem sie nicht sagen durften, was sie denken. Das ist keine Meinung, das ist Inventur. Berlin kennt diesen Teil nicht aus Büchern. Die Grenze verlief quer durch diese Stadt, und es ist noch keine vierzig Jahre her.


Was wir heute haben, ist eine liberale Demokratie. Noch. Sie wird gleichzeitig von zwei Seiten ausgehöhlt, und beide arbeiten mit demselben Werkzeug: Aus dem politischen Gegner wird ein Feind. Eine Demokratie hält viel aus — harte Debatten, schlechte Regierungen, verlorene Wahlen. Was sie nicht aushält, sind Mehrheiten, die sie selbst nicht mehr wollen.


Die Frage, die kaum jemand stellt

Die ganze Empörung der vergangenen Woche drehte sich um die AfD. Verständlich. Nur ist das nicht die interessante Frage. Die interessante Frage lautet: Warum haben in Sachsen-Anhalt mehr als vier von zehn Wählern so abgestimmt — bei einer Wahlbeteiligung von 77,8 Prozent, also freiwillig, bewusst und in Rekordzahl?


Die Antwort, die sich CDU, SPD, Grüne und FDP am liebsten geben, lautet: Protest, Frust, Desinformation, zu wenig Aufklärung. Bequem, aber falsch. Wer bei einer solchen Beteiligung derart gewinnt, hat nicht Unzufriedenheit eingesammelt, sondern Zustimmung organisiert.


Die Ränder machen dabei etwas, das die Mitte verlernt hat: Sie sind da. Auf dem Marktplatz, im Vereinsheim, in der Kommentarspalte, auf TikTok. Jeden Tag, mit Gesichtern, die man wiedererkennt, und in einer Sprache, die niemand zweimal lesen muss. Die demokratischen Parteien verschicken derweil Pressemitteilungen und wundern sich, dass sie niemand öffnet. Basisarbeit ist keine Kampagne, die sechs Wochen vor der Wahl beginnt. Sie ist ein Handwerk, und man verliert es, wenn man es jahrelang nicht ausübt.


Dazu kommt der Ton. Wer Millionen Wähler pauschal für dumm erklärt, betreibt exakt die Sortierung, um die es weiter oben ging: Die anderen sind das Problem. Mit Arroganz hat noch nie jemand eine Wahl gewonnen, mit Ignoranz erst recht nicht. Beides treibt Menschen nur dorthin, wo ihnen zugehört wird. Und zuhören können die Ränder hervorragend — es kostet sie ja nichts, weil sie danach nichts einlösen müssen.


Sprache, die nichts mehr benennt

An diesem Punkt kommt üblicherweise Hannah Arendt ins Spiel. Oder Margot Friedländer, die bis in ihr letztes Lebensjahr in Schulklassen saß und um nichts anderes gebeten hat, als Mensch zu sein. Ihre Sätze hängen heute gerahmt in Foyers und werden bei jeder Feierstunde verlässlich abgerufen. Ehrlich gemeint, keine Frage. Nur ändert ein gutes Zitat die Lage nicht um einen Millimeter.


Und irgendwann kommt einem als Jude die Frage, die man lieber nicht stellen würde: Sind wir eigentlich nur dann interessant, wenn wir Opfer sind? Den Toten gelten die Stolpersteine, die Gedenktafeln, die Feierstunden. Den Lebenden, die widersprechen oder sich wehren, schlägt seit dem 7. Oktober 2023 etwas anderes entgegen. Nichts davon ist neu. Aber so enthemmt war es seit Jahrzehnten nicht mehr, und es macht sich nicht einmal mehr die Mühe, sich zu verkleiden.


Das Problem sitzt nicht im Zitat, es sitzt im Angebot. Die Ränder liefern keine Politik. Keine Antwort auf Mieten, keine auf marode Schulen, keine auf eine Verwaltung, die seit Jahren nicht liefert. Sie liefern Gegner. Das ist ihr gesamtes Produkt. Wer nichts zu verwalten hat, muss auch nichts einlösen, und genau darin liegt der Wettbewerbsvorteil.


Die Mitte wiederum antwortet mit einem Vokabular, das so geölt ist, dass nichts mehr daran haften bleibt. Aus einem Angriff wird ein „Vorfall". Aus Antisemitismus wird eine „umstrittene Äußerung". Aus einem Muster wird ein „Einzelfall", und wenn die Einzelfälle zu zahlreich werden, wird ein „Debattenbeitrag" daraus, den man „einordnen" müsse. Diese Sprache beruhigt niemanden, der betroffen ist. Sie beruhigt nur den, der sie benutzt.


Genauso falsch ist die Gegenrichtung, in der aus Vorsicht Pauschalisierung wird. Deshalb, so präzise es geht:


Wir haben kein Islam-Problem. Wir haben ein Islamismus-Problem.

Wir haben kein konservatives Problem. Wir haben ein rechtsradikales.

Wir haben kein sozialdemokratisches Problem. Wir haben ein linksextremes.

Und wir haben kein Problem mit Kritik an der israelischen Regierung. Wir haben ein Problem mit denen, die daraus das Recht ableiten, Israel abzuschaffen.


Diese Unterschiede sind keine Spitzfindigkeit, sie sind die Arbeit. Wer sie einebnet, trifft die Falschen und verliert die Richtigen — und schiebt am Ende genau die Menschen an den Rand, die man dort am wenigsten gebrauchen kann.


Was jetzt zu tun wäre

Kränze werden verlässlich niedergelegt, Gedenkworte verlässlich gesprochen, und am Montag steht dieselbe Streifenwagenbesatzung vor derselben Schule, weil es anders nicht geht. Das ist der Abstand zwischen der Rede und dem Alltag.


Dahinter steht eine Frage, die viel zu selten gestellt wird: Warum ist es eigentlich normal geworden, dass Synagogen, Gemeindezentren, Kitas und jüdische Schulen in diesem Land bewacht werden müssen? Nicht seit dem 7. Oktober 2023 — seit Jahrzehnten. Seither ist der Schutz nur noch dichter geworden, und niemand nennt diesen Zustand einen Skandal. Man nennt ihn eine Sicherheitslage.


Und dann die zweite Frage, die noch unangenehmer ist: Warum hat ausgerechnet das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Schoa den Antisemitismus nicht gedämpft, sondern befeuert? Wer darauf keine Antwort versucht, sondern nur auf die Regierung in Jerusalem zeigt, hat die Frage nicht verstanden.


2.197 dokumentierte antisemitische Vorfälle in Berlin im Jahr 2025. Sechs pro Tag. Zwischen 2018 und 2022 waren es im Schnitt weniger als tausend im Jahr.


Was jüdische Bürgerinnen und Bürger von der nächsten Landesregierung erwarten dürfen, ist deshalb keine Rhetorik, sondern drei überprüfbare Dinge.


Erstens: Der Schutz jüdischer Schulen, Kitas und Gemeindehäuser gehört als eigener Titel in den Landeshaushalt — nicht als Zuschuss, der jedes Jahr neu beantragt und jeden Herbst neu verhandelt wird.


Zweitens: In den Koalitionsvertrag gehört ein Datum. Der Senat sollte binnen hundert Tagen offenlegen, wie viele der im vergangenen Jahr dokumentierten Vorfälle zu Ermittlungen geführt haben und wie viele zu einem Urteil.


Drittens: Wer Antisemitismus in den eigenen Reihen benennt, muss ihn auch ausräumen — ein benannter Verantwortlicher, ein Datum, ein Ergebnis, das man in sechs Monaten nachlesen kann. Alles andere ist ein Beschluss über einen Beschluss.


Vor allem aber sollte die demokratische Mitte aufhören, so zu tun, als hätte sie unbegrenzt Zeit. Sachsen-Anhalt hat gezeigt, wie schnell aus Duldung Mehrheit wird.


Am kommenden Sonntag wird nicht nur in Berlin gewählt, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern. Zwei Länder, zwei Fragen, und beide sind erlaubt.


Will Berlin von einer Partei regiert werden, die ihren Wahlkampf über einen Krieg im Nahen Osten führt, der mit den Mieten, den Schulen und der Verwaltung dieser Stadt nichts zu tun hat — und die den Antisemitismus in den eigenen Reihen zwar benennt, aber nicht ausräumt?


Und soll Mecklenburg-Vorpommern von einer Partei regiert werden, deren Landesverbände in mehreren Bundesländern als gesichert rechtsextremistisch eingestuft sind, anstatt von denen, die zur freiheitlichen Demokratie keine Alternative suchen?


Wer diese beiden Fragen für unzulässig hält, sollte begründen, warum.


Rosch Haschana verlangt einem etwas ab, das der eigenen Stimmung gerade zuwiderläuft: Man soll das neue Jahr trotzdem süß beginnen. Nicht weil alles gut ist, sondern weil das Gegenteil keine Haltung wäre, sondern nur ein Rückzug.


Der Apfel stand also auf dem Tisch. Der Honig auch. Nächstes Jahr wieder, hoffentlich in einer Stadt, in der man nicht überlegen muss, ob man die Kerze ans Fenster stellt.


Schana tova umetuka!


Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Für die Recherche wurden KI-gestützte Werkzeuge und klassische Suchmaschinen genutzt. Die abschließende Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik erfolgte mit technischer Unterstützung. Inhalt, Argumentation und Haltung stammen vom Autor.

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