Vorsätze brauchen Konsequenz – in der Branche und darüber hinaus
- Zeev Rosenberg
- 4. Jan.
- 4 Min. Lesezeit

Warum Verantwortung, Werte und Konsequenz zusammengehören – im Beruf, im Leben und im Blick auf die Welt.
Vorsätze sind schnell formuliert, aber schwer umzusetzen. Gerade dann, wenn sie mehr verlangen als warme Worte und bequeme Positionen. Dieser Beitrag verbindet Verantwortung in der Hotellerie mit einer grundsätzlichen Frage: Wie ernst meinen wir es wirklich mit Werten, Haltung und Konsequenz – in der Branche, in der Gesellschaft und im Blick auf eine Welt, die sich nicht nach einfachen Narrativen richtet?
Vorsätze entstehen nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Beobachtung. Die letzten Monate haben sehr deutlich gezeigt, woran es in der Branche fehlt – und woran darüber hinaus. Mehrwertsteuer, Teamführung, Qualität, Haltung. Alles hängt zusammen, auch wenn es viele lieber voneinander trennen würden.
Die reduzierte Mehrwertsteuer ist kein Geschenk und schon gar kein Selbstzweck. Sie ist ein Auftrag. Wer sie bekommt, trägt Verantwortung, sie kundenorientiert einzusetzen: für bessere Qualität, nachvollziehbare Preise, spürbaren Service. Gäste merken sehr genau, ob Entlastungen in Erlebnis, Aufmerksamkeit und Professionalität ankommen oder schlicht in Kalkulationen verschwinden. Wer hier falsch abbiegt, verspielt Vertrauen – und langfristig auch Umsatz und Gewinn. Qualität ist kein Marketingbegriff, sondern tägliche Arbeit.
Gleichzeitig entscheidet sich die Zukunft der Branche an der Haltung gegenüber Mitarbeitenden. Fördern, schützen, Rückhalt geben – nach innen wie nach außen. Kritik annehmen, Prozesse verbessern und dennoch klar sagen dürfen, wenn Grenzen überschritten werden, auch durch Gäste. Zeiten haben sich geändert, Führung ebenso. Wer Mitarbeitende opfert, um Konflikten aus dem Weg zu gehen, verliert am Ende alle. Was niemand braucht, sind Menschen, die sich billig inszenieren, sich mit Petzen in den Vordergrund drängen und Aufmerksamkeit mit Haltung verwechseln. Das schadet Teams, Häusern und einer ganzen Branche.
Berufliches endet jedoch nicht an der Rezeptionstür. Werte lassen sich nicht ablegen wie ein Jacket. Demokratie bewahren, Antisemitismus bekämpfen, für Gerechtigkeit einstehen – das gilt immer oder gar nicht. Haltung ist kein Event und kein Hashtag. Sie zeigt sich dort, wo es unbequem wird und wo Applaus ausbleibt.
Viele reden über Werte, doch bei genauerem Hinsehen interessiert es sie nicht wirklich. Werte werden beschworen, wenn sie bequem sind, Reichweite bringen oder ins eigene Weltbild passen. Umso dringlicher wäre es, sie endlich gleichmäßig anzuwenden – nicht einseitig, nicht selektiv, nicht abhängig davon, gegen wen es gerade einfacher ist, Haltung zu zeigen. Werte sind in der Hotellerie kein abstraktes Leitbild an der Wand, sondern tägliche Praxis. Sie zeigen sich darin, wie mit Mitarbeitenden gesprochen wird, wie Konflikte gelöst werden, wie Gäste behandelt werden – und wo Grenzen gezogen werden. Ein Haus, das Respekt fordert, muss ihn selbst vorleben. Ein Betrieb, der Vielfalt betont, muss sie schützen. Und wer Qualität verspricht, darf sie nicht relativieren, wenn es unbequem oder teuer wird. Gerade in einer Branche, die von Vertrauen, Nähe und Begegnung lebt, sind Werte kein Zusatz, sondern Voraussetzung.
Besonders deutlich wird das an der aktuellen Doppelmoral. Während des Gaza-Krieges wurde gegen Israel demonstriert, Universitäten wurden teils besetzt, Proteste dominierten die Straßen. Teile der politischen Linken feierten offen ihren antiisraelischen Kurs, oft begleitet von offenem oder billigendem Antisemitismus. Künstlerinnen, Schauspieler und Kulturschaffende schlossen sich an, unterschrieben Briefe, posierten moralisch auf der vermeintlich richtigen Seite. Gleichzeitig herrscht Schweigen, wenn es um die Mullahs der Islamischen Republik Iran geht, um den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine oder um das Sterben im Sudan und in Nigeria. Das zeigt keine moralische Überlegenheit, sondern schlichte Scheinheiligkeit.
Es scheint bequemer zu sein, gegen Israel vorzugehen, Israelis und Juden auf europäischen Straßen zu attackieren oder ihnen pauschal Schuld zuzuschreiben. Gegen autoritäre Regime, gegen die Mullahs in Teheran, gegen Russland oder gegen radikale Islamisten Haltung zu zeigen, ist offenbar zu anstrengend, zu riskant oder schlicht nicht angesagt. Moral, die nur dort laut wird, wo sie nichts kostet, ist keine Moral, sondern Pose.
Dabei bleibt auch die internationale Ebene auffällig still. Die Vereinte Nationen verlieren sich seit Jahren in Ritualen und Resolutionen, während Unterdrückung, Krieg und Massenmord weitergehen. Auch politische Verantwortungsträger wie Annalena Baerbock finden selten klare, durchsetzungsfähige Worte, wenn es nicht ins eigene politische Koordinatensystem passt.
Noch drastischer wird es jenseits der gewohnten Schlagzeilen. Im Sudan wurden seit Beginn des Krieges zwischen Militär und Milizen nach Schätzungen internationaler Organisationen weit über hunderttausend Menschen getötet, Millionen sind auf der Flucht. In Nigeria sterben seit Jahren zehntausende durch Terror, ethnische Gewalt und staatliches Versagen. Kaum Proteste, kaum Solidarität, kaum öffentliche Empörung in Europa. Dieses Schweigen ist laut und entlarvend.
Hinzu kommt ein gesellschaftlicher Diskurs, der zunehmend verarmt. Zuhören fällt schwer, diskutieren noch schwerer. Abweichende Meinungen werden reflexhaft etikettiert. Wer Migration bejaht, aber Ordnung, Kontrolle und die Akzeptanz liberaler, demokratischer Werte einfordert, landet sofort in einer Ecke. Das ist nicht progressiv, sondern bequem. Migration braucht Humanität und Regeln zugleich. Beides schließt sich nicht aus.
Notwendig ist mehr Realismus und weniger moralisches Wohnzimmer-Kommentariat. Nicht jeder Konflikt lässt sich aus sicherer Distanz erklären, nicht jede Schlagzeile ist Wahrheit. Beide Seiten anhören, Fakten prüfen, Narrative hinterfragen – das wäre ein Anfang. Klare Haltung gegen Antisemitismus, gegen Rassismus, gegen Fremdenhass, gegen Diskriminierung von LGBTQ ist dabei nicht verhandelbar. Ebenso wenig die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten.
Am Ende geht es weder nur um Hotellerie noch nur um Politik. Es geht um Konsequenz. Wer Verantwortung trägt – für Betriebe, für Menschen, für Öffentlichkeit – kann Werte nicht situativ anwenden. Haltung zeigt sich nicht dort, wo sie Applaus bringt, sondern dort, wo sie widerspricht, aneckt und kostet. 2026 braucht keine neuen Parolen, sondern mehr Ernsthaftigkeit. In der Branche, in der Gesellschaft und im Umgang mit einer Welt, die komplexer ist, als es jedes einfache Narrativ behauptet.









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