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7. Oktober: Drei Jahre danach

4. Okt.
6 Min. Lesezeit
Verlassenes Festivalgelände bei Sonnenuntergang, Erinnerung an das Nova-Festival vom 7. Oktober 2023. Im Vordergrund liegen ein einzelner Turnschuh, eine Tasche mit Friedenszeichen, Rettungsdecken, Becher und Kerzen im Staub. Rechts ein Holzpfahl mit Nova-Schild, Fotos, Sonnenblumen und gelber Schleife. Daneben ein Strauß Sonnenblumen mit gelbem Band. Darüber der Titel „7. Oktober: Drei Jahre danach“ und der handschriftliche Untertitel „Und kein Tag ist vorbei.“

Das Bild ist stark gewählt: ruhig, ohne Gewaltdarstellung, und die Details wie der einzelne Schuh und die gelbe Schleife erzählen die Geschichte ohne Worte.

Eine Sache aber vor Sonntag: Das Bild wirkt KI-generiert. Falls das stimmt, zwei Punkte. Erstens zeigt es Fotos von Gesichtern an einem Nova-Gedenkort, die vermutlich keine echten Opfer sind. Wer das bemerkt, kann es als respektlos gegenüber den echten Toten auslegen, und das wäre an diesem Tag ein vermeidbarer Angriffspunkt. Die Gesichter unkenntlich zu machen oder durch leere Rahmen zu ersetzen, löst das. Zweitens sollte dann auch dein Hinweis am Ende stimmen. Ergänzung: „Das Titelbild wurde mit KI-Unterstützung erstellt.“ Sonst widerspricht der Hinweis, der ja gerade Transparenz schaffen soll, dem eigenen Bild.
Bild: KI - 7. Oktober: Drei Jahre danach

Und kein Tag ist vorbei


Jeder Israeli weiß es. Fast jeder Jude weiß es. Wo man war am Morgen des 7. Oktober 2023, was man gerade getan hat, wer als Erster angerufen hat. Diese Stunden haben sich bei mir eingebrannt. Den ganzen Tag lief israelisches Fernsehen, abschalten war unmöglich. Mit jeder Stunde wurden die Zahlen größer, die Bilder schlimmer, die Stille im Raum schwerer.


Seitdem ist der 7.10. kein Datum mehr. Er ist ein Zustand.


Am kommenden Mittwoch jährt sich der Überfall der Hamas zum dritten Mal. Deshalb noch einmal die Fakten, weil manche sie schon wieder vergessen wollen: Rund 1.200 Menschen wurden ermordet, 251 nach Gaza verschleppt. Frauen und Männer wurden vergewaltigt, Menschen bei lebendigem Leib verbrannt. Es war das schlimmste Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Ein Pogrom, mitten im 21. Jahrhundert.


Ein Parkhaus voller Kartons

Vierzehn Tage später saß ich im Flieger nach Tel Aviv. Helfen wollte ich. Und verstehen, wie ein Land so etwas aushält.


Damit war ich nicht allein. Wenn ein Land angegriffen wird, verlassen es die Menschen normalerweise. Nach dem 7. Oktober geschah das Gegenteil: Tausende Israelis aus aller Welt ließen Job, Studium und Alltag liegen und flogen nach Hause. Reservisten, um zu dienen. Andere, um anzupacken, wo immer jemand gebraucht wurde. Sie kamen nicht trotz der Gefahr, sondern wegen ihr. Das gibt es so wohl in keinem anderen Land.


Was ich fand, war ein Parkhaus. Hunderte Freiwillige, Kartons bis unter die Decke, Kleidung, Spielzeug, Bücher. Tausende Israelis hatten gespendet, tonnenweise, und alles musste sortiert, verpackt und verschickt werden. Also habe ich gepackt. Stundenlang, Seite an Seite mit Menschen, deren Namen ich nie erfahren habe. Das tat gut. Zu sehen, dass ein Land in seinem dunkelsten Moment zusammenrückt, statt auseinanderzufallen.


Trotzdem: Dieses Israel kannte ich nicht. Das Israel, das ich kenne, ist laut, fröhlich, lebenshungrig. Ein Land, das feiert. Im Oktober 2023 feierte niemand.


Die Frau am Nebentisch

An einem Abend saßen wir mit Freunden nahe am Strand in Tel Aviv. Jedes Gespräch drehte sich um jemanden, den man kannte. Einen Entführten. Einen Toten. Eine Verletzte. Am Nebentisch saß eine Gruppe, in ihrer Mitte eine Frau. Plötzlich schrie sie. Panisch, aus tiefster Seele. Wir erstarrten. Ein paar Minuten später schrie sie wieder.


Irgendwann fragten wir leise nach. Die Frau war Pathologin. Sie hatte die Opfer des 7. Oktober gesehen und obduziert.


Dieses Schreien vergesse ich nicht. Es war der ehrlichste Satz, den ich in diesen Tagen gehört habe, und er hatte keine Worte.


Was seitdem passiert ist

Die letzten lebenden Geiseln kamen im Oktober 2025 frei. Am 26. Januar 2026 wurde schließlich der Leichnam von Ran Gvili, der letzten Geisel, aus dem Gazastreifen nach Israel zurückgebracht. Ein Polizist, 24 Jahre alt, der am 7. Oktober in den Kampf gezogen war. Als Erster hinein, als Letzter nach Hause. Damit ist dieses Kapitel abgeschlossen. Verdaut ist es nicht.


Erinnerung braucht Bilder. Die neue Staffel von „Fauda“ hat sie geliefert. Seit dem 8. September läuft sie bei Netflix. Zwei Folgen führen unmittelbar in den 7. Oktober und setzen ihre Figuren in Situationen, die sich an den realen Ereignissen dieses Tages orientieren. Beim Zuschauen kam alles wieder hoch. Gut so. Vergessen hilft nur den Tätern.


Die ganze Wahrheit, ungeschönt, zeigt saturday-october-seven.com, eine Dokumentation israelischer Organisationen. Auch die Nova-Ausstellung, die in Berlin zu sehen war, hat erzählt, was an diesem Morgen geschah.


Die Gleichgültigen und die Klatschenden

Und dann ist da das andere Kapitel. Das, was in Europa passiert ist.


Am Abend des 7. Oktober wurden in Neukölln Süßigkeiten verteilt. Baklava für ein Massaker. Kurz darauf begann das Zweifeln: Ob es die Vergewaltigungen wirklich gab. Ob man den Kontext nicht sehen müsse. Aus Opfern wurden Täter gemacht, aus Tätern Widerstandskämpfer.


Ausgerechnet viele Frauenorganisationen blieben beim Thema sexualisierte Gewalt auffallend leise. Dabei lagen die Beweise früh auf dem Tisch: Überlebende, freigelassene Geiseln und Ersthelfer berichteten, was Frauen angetan worden war. Die Hamas hatte ihre Verbrechen sogar selbst mit Bodycams und Handys gefilmt und stolz verbreitet. Und trotzdem wurde der israelischen Seite nicht geglaubt. Auch Amnesty International brauchte mehr als zwei Jahre für einen umfassenden Bericht über die Verbrechen des 7. Oktober. Erst im Dezember 2025 kam die Organisation nach umfangreichen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Hamas und andere bewaffnete palästinensische Gruppen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hatten – darunter Mord, Folter, Geiselnahme und sexualisierte Gewalt.


Das Ergebnis ist eindeutig. Die lange Zeit bis zu dieser Klarheit bleibt trotzdem schwer nachvollziehbar. Gerade bei Verbrechen dieser Dimension hätten die Opfer früher eine ebenso unmissverständliche Stimme verdient.


Am meisten bewegen mich die Zahlen aus Deutschland. 2025 dokumentierten die RIAS-Meldestellen 8.725 antisemitische Vorfälle. Mehr als dreimal so viele wie 2022, dem letzten vollständigen Jahr vor dem 7. Oktober. Fast 24 am Tag. Daran darf sich niemand gewöhnen.


Ende August, hier in Berlin: Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Neukölln soll ein Rapper Zeilen wie „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ gesungen haben. Zuschauer tanzten und klatschten. Anwesende Vertreter der Linken unterbanden den Auftritt nicht. Später folgten Distanzierungen, inzwischen beschäftigt der Vorgang auch die Justiz.


Gerade eine Partei, die Antirassismus und den Schutz von Minderheiten für sich beansprucht, muss sich daran messen lassen, wie sie reagiert, wenn bei einer eigenen Veranstaltung solche Parolen fallen. Antisemitismus wird nicht weniger problematisch, weil er von links kommt. Wer gegen Rassismus auf die Straße geht, darf beim Judenhass nicht wegsehen oder mitklatschen. Dieser Widerspruch muss benannt werden.


„Intifada“ ist kein harmloses Wort. Die erste Intifada begann 1987, die zweite im Jahr 2000. Gerade die zweite steht für eine Zeit von Selbstmordanschlägen in Bussen, Cafés und Restaurants. Beide Intifadas zusammen kosteten rund 1.200 Israelis und über 4.000 Palästinenser das Leben, Zehntausende wurden verletzt. In fast zehn Jahren Intifada starben damit so viele Israelis, wie die Hamas am 7. Oktober an einem einzigen Tag ermordet hat.


Natürlich bedeutet „Intifada“ wörtlich Aufstand oder Erhebung. Aber Worte haben nicht nur eine Übersetzung. Sie haben eine Geschichte. Und diese Geschichte lässt sich nicht ausblenden, wenn der Begriff heute auf deutschen Straßen gerufen wird. Wer „Intifada“ sagt, muss wissen, welche Bilder und Erinnerungen dieses Wort für Israelis und viele Juden mit sich trägt. Das ist keine Folklore. Das ist ein Aufruf.


Und weil auf denselben Bühnen auch „Antizionismus“ gerufen wird, gehört das hierher: Zionismus bedeutet zunächst etwas sehr Einfaches – das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung und auf einen eigenen Staat. Dazu stehe ich. Ohne Wenn und Aber.


Das bedeutet nicht, jede Entscheidung einer israelischen Regierung gutzuheißen. Israelische Politik kann kritisiert werden, hart und deutlich, wie die Politik jedes anderen demokratischen Staates. Aber das Existenzrecht Israels ist keine politische Verhandlungsmasse.


Was jetzt zu tun ist

Erinnern. Das klingt nach wenig, ist aber das Wichtigste. Denn das Vergessen hat längst begonnen. Mit jedem Jahr werden die Bilder blasser, die Zahlen abstrakter, die Ausreden lauter. Genau darauf setzen die Täter und ihre Applaudierer.


Jeder, der heute für Frieden auf die Straße geht, sollte wissen, was am 7. Oktober 2023 geschah. Nicht ungefähr, sondern genau. Und Pazifisten? Die sollten die Bilder aus Be'eri, Kfar Aza und vom Nova-Festival kennen. Gewaltfreiheit, die zu diesem Morgen schweigt, ist keine Haltung. Frieden beginnt nicht mit dem Vergessen der Opfer.


Und wir alle sollten uns eine unbequeme Frage stellen: Wieso ist ausgerechnet nach diesem Terrorpogrom der Hass auf Juden so stark geworden? Nach jedem anderen Terroranschlag gilt das Mitgefühl den Opfern. Nach dem 7. Oktober galt es bei vielen den Tätern. Darauf gibt es keine bequeme Antwort. Aber so zu tun, als wäre das normal, ist keine Option.


Dazu gehört Konsequenz. Volksverhetzung auf Demonstrationen muss geahndet werden, sofort und spürbar. Und Haltung im Alltag. Als Gastgeber weiß ich: Die Atmosphäre eines Hauses entsteht nicht durch Hausordnungen, sondern dadurch, wer an der Tür steht und was er durchgehen lässt. Das gilt für jedes Unternehmen, jeden Verein, jede Partei.


Am 7. Oktober zünde ich eine Kerze an. Für die 1.200. Für die 251. Für die Pathologin am Nebentisch, die nie wieder aufhören wird, das zu sehen, was sie gesehen hat.


Am Israel Chai. 🎗️


Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Für die Recherche wurden KI-gestützte Werkzeuge und klassische Suchmaschinen genutzt. Die abschließende Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik erfolgte mit technischer Unterstützung. Inhalt, Argumentation und Haltung stammen vom Autor.

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