top of page

Sport und Politik gehören nicht auf denselben Platz

11. Okt.
8 Min. Lesezeit
Illustration: Zwei Fußballspieler im leeren Stadion unter Flutlicht, links in Grün mit gesenktem Kopf, rechts in Weiß aufrecht, dazwischen ein Ball am Anstoßpunkt.

**Kürzere Variante** (falls dein System Zeichen begrenzt):

Zwei Fußballspieler im leeren Stadion, einer senkt den Kopf, der andere steht aufrecht.

Überschrift und Unterzeile aus dem Bild gehören nicht in den Alt-Text, wenn sie auf der Webseite ohnehin als Titel und Untertitel im Text stehen. Sonst lesen Screenreader sie doppelt vor. Das Wort „Illustration“ am Anfang signalisiert ehrlich, dass es kein Pressefoto eines echten Spiels ist.
Bild: KI - Sport und Politik gehören nicht auf denselben Platz

Sport und Politik gehören nicht auf denselben Platz

Zwei Fußballspiele zwischen Irland und Israel, die keine normalen Spiele waren. Und die Frage, wo Protest endet und Ausgrenzung beginnt


Ein Spiel ohne Publikum, ein Abend ohne Sport

Bačka Topola, Nordserbien, ein Sonntagabend Anfang Oktober. Ein modernes Stadion, frisch gemähter Rasen, Flutlicht. Und leere Ränge. Kein Gesang, keine Fahnen, nur das Echo der Bälle und die Rufe der Spieler. Hier, weit weg von Dublin und noch weiter weg von Tel Aviv, spielte Irland gegen Israel. Ein Heimspiel Irlands, das der irische Verband selbst nach Serbien verlegt hatte, ohne Zuschauer, offiziell wegen „operativer Herausforderungen“. [5]

Eine Woche zuvor im ungarischen Debrecen das gleiche Bild: Spiel hinter verschlossenen Türen, 3:0 für Irland. [12] In Serbien endete es 1:1, Troy Parrott traf per Elfmeter, Dor Peretz glich direkt nach der Pause aus. [12] Das sind die sportlichen Fakten. Sie passen in zwei Zeilen. Alles andere füllt Seiten.


Wie ein Losentscheid zum Politikum wurde

Im Februar 2026 zog die UEFA in Brüssel die Gruppen der Nations League. Irland landete in Gruppe B3 mit Österreich, Kosovo und Israel. [2] Ein Los wie jedes andere. In Irland begann damit eine Debatte, die mit Fußball wenig zu tun hatte.

Der irische Verband FAI hatte bereits im November 2025 bei der UEFA beantragt, Israel mit sofortiger Wirkung aus allen europäischen Wettbewerben auszuschließen. [2] Irland stellte außerdem den Antrag, künftig nicht mehr gegen Israel antreten zu müssen. Die UEFA lehnte ab. [6] Eine geplante Abstimmung über eine Suspendierung Israels wurde nach Berichten auf Eis gelegt. [11] Irlands früherer Premierminister Leo Varadkar erklärte später in einem Podcast, Israel sei kein europäisches Land mit europäischen Werten und habe weder in der UEFA noch beim Eurovision Song Contest etwas zu suchen. [5]


Ehemalige Nationalspieler legten nach. Kevin Kilbane, 110 Länderspiele für Irland, schrieb öffentlich, die Mannschaft solle nicht gegen Israel antreten. [13] Vor dem Aviva Stadium in Dublin standen Demonstranten mit Schildern: „Stop the Game“. [1]

Der Druck war real. Und er landete bei den Spielern.


Warum Irland so fühlt, und warum das nicht reicht

Wer die irische Haltung verstehen will, muss in die Geschichte schauen. Irland war jahrhundertelang selbst unter britischer Herrschaft. Diese Erfahrung prägt bis heute den Blick vieler Iren auf die Welt, auch auf den Nahostkonflikt. Die Nähe zu den Palästinensern speist sich aus diesem Gefühl, selbst einmal Kolonie gewesen zu sein. [16] Das muss man nicht teilen. Aber man sollte es ernst nehmen.


Nur: Gerade wer selbst erfahren hat, wie es ist, als ganzes Volk für die Politik anderer verantwortlich gemacht zu werden, sollte diesen Fehler nicht wiederholen. Die israelischen Spieler auf dem Rasen haben keinen Krieg begonnen und keinen beendet. Sie haben einen Ball gespielt.


Vier Stunden Krisensitzung vor dem Anpfiff

Vor dem ersten Spiel in Debrecen verschob die irische Mannschaft das Training und gleich zweimal die Pressekonferenz. Spieler, Trainerteam und Verbandsführung berieten rund vier Stunden lang, ob man überhaupt antritt. [3] Ersatztorwart Gavin Bazunu kündigte nach Berichten an, das Spiel zu boykottieren. [3] Ein Nichtantreten hätte eine kampflose Niederlage bedeutet. Am Ende spielte Irland.


Der Ton war da längst gesetzt. Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson hatte schon bei der Kadernominierung erklärt, seine Mannschaft spiele gegen einen Völkermord. Später räumte er ein, diese Aussage sei nicht klug gewesen. [9] An der Linie hielt er trotzdem fest: Man spiele nicht mit Israel, sondern gegen Israel. [4] Nach dem zweiten Spiel, angesprochen auf die hitzigen Szenen, sagte er, solche Abende seien der beste Zeitpunkt, seine Feinde zu erkennen; man sehe schnell, wer nachzutreten versuche. [8] Wen genau er meinte, ließ er offen. Doch schon die Wortwahl zeigt, wie weit sich dieses Duell vom Sport entfernt hatte.


Auf israelischer Seite klang es anders. Trainer Ran Ben-Shimon kündigte an, er werde dem irischen Trainer die Hand geben. [9] Mittelfeldspieler Dor Peretz sagte sinngemäß: Wir sind Fußballspieler, wir haben das Recht, Israel zu vertreten, und versuchen, das gut zu machen. [10] Der israelische Verband betonte, die Trennung von Fußball und Politik müsse bestehen bleiben. [10] Zwei Mannschaften, zwei Haltungen.


Die Bilder, die bleiben

Wer die Spiele gesehen hat, erinnert sich weniger an Tore als an Gesten.

Die Hatikvah erklingt, die israelische Nationalhymne. Die irischen Spieler stehen in einer Reihe und senken demonstrativ die Köpfe. [1] Auf der Bank stehen die Ersatzspieler mit dem Rücken zum Spielfeld. [5] Kein Wimpeltausch vor dem Anpfiff. Kein Handschlag, weder vor noch nach dem Spiel. [1] Die Iren tragen schwarze Armbinden. Als Jack Moylan in Debrecen trifft, hebt er die Binde an und küsst sie. [5]


Der irische Verbandschef David Courell hatte all das vorher angekündigt, und die UEFA hatte den Verzicht auf den Handschlag akzeptiert. [1] Formal sauber. Aber formal sauber und sportlich fair sind zwei verschiedene Dinge.


Über den Krieg in Gaza kann man unterschiedlicher Meinung sein. Wer während einer Nationalhymne demonstrativ den Kopf senkt, mag gegen eine Regierung protestieren wollen. Doch die Geste trifft auch ein Land, seine Menschen und elf Sportler, die nichts weiter wollen, als Fußball zu spielen.


Pressefreiheit nur in eine Richtung?

Auch abseits des Rasens kippte die Stimmung. Vor dem zweiten Spiel in Serbien fragte der israelische Sportjournalist Moti Peschatzky den irischen Trainer, was er zu Berichten sage, wonach israelische Spieler im ersten Spiel als „Affen“ beschimpft worden seien. Hallgrímsson verweigerte die Antwort. Nach Berichten des israelischen Rundfunks wurde dem Reporter das Mikrofon gewaltsam abgenommen, der Trainer verließ den Raum. [3] Peschatzky selbst sagte, man sei eingeladen worden und habe das Recht, Fragen zu stellen. [4]


Al Jazeera erzählt diese Szene anders, dort ist von einer Störung durch israelische Reporter die Rede. [1] Gerade deshalb lohnt der nüchterne Blick: Kritische Fragen gehören zu jeder Pressekonferenz. Für alle Journalisten. Eine Pressekonferenz, auf der nur eine Seite fragen darf, ist keine Pressekonferenz mehr, sondern eine Bühne.


Der Tunnel und der Spuckvorwurf

Dann die Halbzeit in Bačka Topola. Im Spielertunnel kommt es zur Rudelbildung. Nach irischen Medienberichten erhebt ein Mitglied des irischen Trainerstabs einen Spuckvorwurf gegen einen israelischen Spieler. [1] Israels Trainer sagt, er sei bereits in der Kabine gewesen und habe nichts gesehen. [1] Die UEFA hat einen Ethik- und Disziplinarinspektor eingesetzt. [6]


Was genau in diesem Tunnel passiert ist, weiß zum jetzigen Zeitpunkt niemand außerhalb der Ermittlungen sicher. Deshalb gilt: erst Fakten, dann Urteil. Diese Regel verlangen wir zu Recht von anderen. Wir sollten sie selbst einhalten.


Fairerweise: die UEFA

Es wäre zu einfach, die Schuld allein den Verbänden zuzuschieben. Die UEFA hat Irlands Antrag abgelehnt, nicht gegen Israel antreten zu müssen. [6] Sie hat auch keinen Ausschluss beschlossen. Richtig so. Politische Konflikte dürfen nicht automatisch zum Ausschluss einer Nationalmannschaft führen. Wer solche Entscheidungen trifft, braucht nachvollziehbare Kriterien, die für alle gelten.


Bemerkenswert: Die UEFA kennt durchaus feste Regeln, welche Mannschaften aus politischen Gründen nicht gegeneinander gelost werden, etwa Ukraine und Russland, Armenien und Aserbaidschan oder Kosovo und Serbien. [1] Irland und Israel stehen nicht auf dieser Liste. Das Spiel war nach den Regeln des Wettbewerbs ganz normal angesetzt.


Und doch bleibt eine offene Frage. Seit Oktober 2023 hat Israel kein einziges UEFA-Spiel mehr im eigenen Land ausgetragen. [2] Seit dem 10. Oktober 2025 gilt im Gazastreifen eine Waffenruhe. [14] Sie ist brüchig, das gehört zur Wahrheit dazu. [15] Aber sie gilt seit einem Jahr. Wenn Sicherheitsgründe der Maßstab sind, dann müssen sie regelmäßig überprüft und offen begründet werden. Eine Ausnahme, die nie endet, wird irgendwann zur Regel. Und eine Regel, die nur für ein Land gilt, wirkt wie eine Strafe.


Was der Sport schon einmal wusste

Die Geschichte zeigt, wozu Sport fähig ist, wenn man ihn lässt. 1971 spielten amerikanische und chinesische Tischtennisspieler gegeneinander, mitten im Kalten Krieg, und öffneten damit eine Tür, die Diplomaten jahrelang nicht aufbekommen hatten. 1995 streifte Nelson Mandela das Trikot der Springboks über, einer Mannschaft, die für viele Schwarze Südafrikaner ein Symbol der Apartheid war, und machte daraus ein Symbol der Versöhnung.


Und gerade wir in Deutschland wissen, was geschieht, wenn Politik und Gewalt in den Sport eindringen. München, 1972: Elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft wurden von palästinensischen Terroristen ermordet. Die Spiele gingen nach einem Tag Unterbrechung weiter. Über diese Entscheidung streitet man bis heute. Unstrittig ist eines: Sportler dürfen nicht für die Politik ihrer Regierungen haftbar gemacht werden.


Was in jedem Job selbstverständlich ist

Die meisten von uns arbeiten jeden Tag mit Menschen aus vielen Nationen zusammen. Kolleginnen und Kollegen, die ihre eigene Geschichte mitbringen, ihre eigenen Überzeugungen, manchmal auch ihre eigenen Wunden. Und trotzdem stehen wir jeden Morgen gemeinsam im Büro, in der Werkstatt, auf der Station, im Laden. Wir geben uns die Hand, wir verlassen uns aufeinander, wir lösen Probleme zusammen. Nicht, weil wir bei jeder politischen Frage einer Meinung wären. Sondern weil wir Profis sind.


Genau das verlangt jeder ordentliche Arbeitsplatz von uns allen, vom Krankenhaus bis zur Baustelle, vom Handwerksbetrieb bis zum Konzern. Niemand von uns käme auf die Idee, einem Kollegen den Gruß zu verweigern, weil uns die Regierung seines Heimatlandes nicht passt. Wer so handeln würde, hätte am nächsten Tag ein ernstes Gespräch vor sich.


Warum sollte für Fußballer etwas anderes gelten? Profisportler sind Vorbilder für Millionen junger Menschen. Was sie auf dem Platz vorleben, wird auf Schulhöfen nachgeahmt. Ein verweigerter Handschlag ist dort keine politische Botschaft. Er ist eine Lektion in Ausgrenzung.


Die wichtigste Regel im Umgang miteinander ist alt und einfach: Der Mensch, der vor dir steht, ist nicht seine Regierung. Man muss nicht jeden mögen. Aber man begegnet jedem mit Würde. Was in jedem guten Team selbstverständlich ist, sollte auf einem Fußballplatz erst recht gelten.


„Respect“ auf dem Ärmel, nicht im Verhalten

Seit Jahren wirbt die UEFA mit dem Wort „Respect“. Auf Ärmeln, Bannern, Werbetafeln. Respekt zeigt sich aber nicht auf Stoff. Er zeigt sich in kleinen Gesten. Im Handschlag vor dem Anpfiff. In der aufrechten Haltung während der Hymne des Gegners. Im Händedruck nach dem Abpfiff, auch wenn man verloren hat. Gerade dann.


Israels Spieler liefen in Serbien mit schwarzen Armbinden auf, darauf das Datum „7.10.“, mit Genehmigung der UEFA, drei Tage vor dem dritten Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober 2023. [5] [7] Der irische Verband sagt, seine Binden gelten den Opfern des Krieges in Gaza. [1] Die Opfer des 7. Oktober, die Ermordeten, die Verschleppten, kommen in dieser Trauer nicht vor. Wer wirklich um alle Opfer trauert, reicht auch dem Gegner die Hand.


Auch im irischen Kader gab es einen leisen Fall, über den kaum jemand sprach. Finn Azaz, dessen Mutter israelische Wurzeln hat, saß in beiden Spielen auf der Bank. Hallgrímsson sagte, ihn habe die Situation mehr belastet als alle anderen. [1] Ein junger Profi zwischen zwei Welten. Genau das macht Politik mit dem Sport: Sie zwingt Menschen, sich zu entscheiden, wo es nichts zu entscheiden geben sollte.


Was bleibt

Hallgrímsson sagte nach dem letzten Spiel, er sei froh, dass es vorbei sei; keine Nationalmannschaft solle durchmachen müssen, was seine Mannschaft in diesen zwei Wochen erlebt habe. [1] Das ist ehrlich. Aber dieser Druck ist nicht vom Himmel gefallen. Er wurde aufgebaut, Woche für Woche, von Funktionären, Politikern, ehemaligen Spielern und auch vom Trainer selbst.


Sport kann Brücken bauen. Er kann zeigen, dass Menschen sich mit Respekt begegnen, auch wenn ihre Regierungen das nicht tun. Dafür braucht es keine Heiligen auf dem Platz. Es braucht Anstand. Einen Handschlag. Einen erhobenen Kopf während einer fremden Hymne. Kleine Dinge mit großer Wirkung.


Der Ball rollt für alle gleich. Es wird Zeit, dass wir das wieder zulassen.


Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Für die Recherche wurden KI-gestützte Werkzeuge und klassische Suchmaschinen genutzt. Die abschließende Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik erfolgte mit technischer Unterstützung. Inhalt, Argumentation und Haltung stammen vom Autor.


Quellen

Kommentare


bottom of page