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Sukkot in Berlin: Hat jüdisches Leben hier noch eine Zukunft?

vor 2 Tagen
8 Min. Lesezeit
Sukkot in Berlin: Eine beleuchtete Sukka mit Davidstern vor der Berliner Skyline mit Brandenburger Tor und Fernsehturm. Das Bild begleitet den Essay über jüdisches Leben, Antisemitismus und die Frage nach der Zukunft jüdischen Lebens in Berlin.
Bild: KI - Sukkot in Berlin: Hat jüdisches Leben hier noch eine Zukunft?

Sonntagsessay zu Sukkot, eine Woche nach der Berlin-Wahl


In diesen Tagen sitzen Juden in Laubhütten. Ein Dach aus Zweigen, durch das man die Sterne sehen soll, Wände, die kaum Schutz bieten. Sukkot erinnert an eine Zeit ohne feste Mauern. In Berlin passt dieses Bild gerade besser, als einem lieb sein kann: Sechs antisemitische Vorfälle zählt die Meldestelle RIAS hier jeden Tag. Und seit vergangenem Sonntag ist die Linke stärkste Kraft im Abgeordnetenhaus.


Mit 25,7 Prozent liegt sie vor CDU (18,8) und AfD (16,3), Grüne und SPD folgen mit 14,3 und 12,1 Prozent. Rechnerisch liegt ein Bündnis aus Linken, Grünen und SPD auf der Hand. Politisch ist es die heikelste Konstellation, über die diese Stadt seit Langem diskutiert.


Zur Wahrheit gehört auch: Die Linke ist nicht aus dem Nichts so stark geworden. Die CDU ist von 28 auf knapp 19 Prozent abgestürzt, nach einer Regierungszeit, in der Kai Wegner nach dem Anschlag auf das Stromnetz nicht einmal mehr Spitzenkandidat blieb. Wenn die politische Mitte Vertrauen verliert, profitieren diejenigen, die grundsätzlich andere Antworten versprechen.


Was hat Gaza mit dem Mietspiegel zu tun?

Wohnungen fehlen, die BVG fährt, wenn sie fährt, Bürgerämter vergeben Termine wie Konzertkarten. Trotzdem nahm der Nahostkonflikt im Wahlkampf gefühlt mehr Raum ein als die Frage, wie Berlin morgen funktionieren soll. Welche Antwort liefert Gaza auf den Mietspiegel? Keine.


Wo es konkret wurde, wird es nicht beruhigender. Rund 220.000 Wohnungen sollen in öffentliche Hand. Was das kostet, konnte Linken-Chefin Ines Schwerdtner im bei Sandra Maischberger nicht sagen: Von einem symbolischen Euro bis zu mehreren Milliarden sei alles denkbar. Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer rechnet mit einem zweistelligen Milliardenbetrag, der dann für echten Neubau fehlt. Die Schätzungen reichen je nach Modell von 8 bis über 36 Milliarden Euro.


Eine Spanne von einem Euro bis zu Milliarden ist kein Konzept. Das ist ein Offenbarungseid. Durch Enteignung entsteht keine einzige neue Wohnung. Es wechselt nur der Vermieter, und die Stadt zahlt mit Geld, das sie nicht hat. Ähnlich bei der BVG: Ein 9-Euro-Sozialticket klingt sympathisch, eine seriöse Gegenfinanzierung fehlt.


Dazu kommen Kürzungen bei der Polizei. Beim Tagesspiegel-Hauptstadtgespräch hielt SPD-Kandidat Steffen Krach der Linken vor, dass ihr Wahlprogramm genau das vorsieht. Elif Eralp widersprach nicht. In einer Stadt, in der sich Jüdinnen und Juden fragen, ob sie mit Kippa in die U-Bahn steigen können, sendet das ein fatales Signal.


Die Kippa in der Tasche

Denn darum geht es am Ende: um das Lebensgefühl von Juden in dieser Stadt.


2.197 antisemitische Vorfälle hat RIAS Berlin 2025 dokumentiert. Zwischen 2018 und 2022 lag der Wert jedes Jahr unter 1.000, im Jahr nach dem 7. Oktober stieg er auf über 2.500. Dazu kommen der Messerangriff am Holocaust-Mahnmal und 39 weitere Gewalttaten: Schläge, Spucken, Pfefferspray gegen Menschen, die als jüdisch oder israelisch erkannt wurden. In mehr als jedem fünften Fall ging es um „Zionismus“, also um die Gleichsetzung von Juden mit Israel.


Wer da noch von gefühlter Bedrohung spricht, hat die Zahlen nicht gelesen.


Sascha Chaimowicz, Chefredakteur des ZEITmagazins, hat es diese Woche im Podcast von Paul Ronzheimer beschrieben, ohne Pathos und gerade deshalb so eindringlich. Mit sichtbarem Davidstern gehe in Kreuzberg praktisch niemand mehr durch die Straßen. Eine Familienberaterin des Bezirks habe ihm abgeraten, sein Kind auf eine öffentliche Schule im Kiez zu schicken. Ihre Begründung: dokumentierte Fälle von Mobbing gegen jüdische und israelische Kinder. Empfohlen wurden ihm eine Privatschule oder eine Schule im fernen Charlottenburg. Die Familie denkt offen über einen Umzug nach. Sein Text im ZEITmagazin trägt den Titel: „Liebe Nachbarn, was habt ihr da bitte gewählt?"


Der Historiker Michael Wolffsohn geht im Cicero noch weiter. „Blutenden Herzens" würde er jungen Juden raten, die Stadt und das Land zu verlassen. Man muss diesen Rat nicht teilen, um zu verstehen, was er bedeutet. Wenn ein Mann, der sich jahrzehntelang als deutsch-jüdischer Patriot verstanden hat, so etwas sagt, ist eine Grenze erreicht.


Und die Anlässe sind real. Ferat Koçak, Bundestagsabgeordneter der Linken aus Neukölln, hat im Februar dieses Jahres mit einem Sohn von Issa Remmo gechattet und ihn gebeten, ein Video zu verbreiten. Die Antwort: „Gerne Bruder". Koçak nennt das einen Fehler und lässt seine Funktionen ruhen. Auf der Wahlparty der Linken in Neukölln tauchten Issa Remmo selbst und ein Aktivist aus dem Umfeld der PFLP auf, einer Organisation, die die EU als Terrororganisation einstuft. Elif Eralp sagt, Remmo sei nicht eingeladen gewesen und weggeschickt worden. Das mag stimmen. Die Frage bleibt trotzdem, warum dieses Milieu offenbar keine Berührungsängste mit der Partei hat.


Wer in Neukölln lebt, hat andere Bilder noch vor Augen. Am 7. Oktober 2023, während in Israel noch gemordet wurde, verteilten Aktivisten auf der Sonnenallee Baklava, um das Massaker zu feiern. Die Szenen sind dokumentiert, das Netzwerk dahinter wurde wenige Wochen später verboten. Drei Jahre später jubelt im selben Bezirk eine Wahlparty, auf der ein PFLP-Aktivist auftaucht. Man muss keine Linie zwischen beidem ziehen, um zu verstehen, warum Jüdinnen und Juden in dieser Stadt genau hinsehen.


Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, warnt vor einer „Normalisierung des Antisemitismus". Bodo Ramelow, Vizepräsident des Bundestages, antwortet, er habe dafür „null Verständnis". Deutlicher lässt sich kaum zeigen, wie weit die Wahrnehmungen auseinanderliegen.


Ramelow verweist auf Eralps Fünf-Punkte-Plan gegen Antisemitismus: Schutzkonzepte für jüdische Einrichtungen, mehr jüdische Kultur an Schulen, sogar ein Feiertag an Jom Kippur ist im Gespräch. Auf dem Papier klingt das gut. Der Zeitpunkt lässt bei mir allerdings den Eindruck entstehen, dass dieser Plan vor allem eine Reaktion auf den öffentlichen Druck ist. Entscheidend wird deshalb nicht das Papier sein, sondern das Handeln danach.


Worte gibt es genug

Fair bleibt fair: Geschwiegen wurde nicht. Die SPD-Spitze um Lars Klingbeil und Bärbel Bas hat klargestellt, antisemitische Parolen hätten in Politik und Gesellschaft keinen Platz. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge fordert Koçaks Ausschluss aus der Fraktion. Cem Özdemir warnt: Wer bei diesen Fragen unklar sei, dürfe der Macht nicht nahekommen.


Nur: Diese Sätze fallen im Bund. In Berlin wird parallel sondiert. Wie das läuft, war schon in der Wahlnacht bei Caren Miosga zu sehen. Robin Alexander hielt SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf vor: „Sie machen in Berlin jetzt eine Koalition mit der linkesten Linkspartei ever – und geben ein Stück der Mitte preis.“ Klüssendorf wich aus: Das sei weder entschieden, noch liege es in seiner Hand. Es entscheide die Partei vor Ort. Alexanders trockene Antwort: „Wir beide wissen, wohin der Hase läuft.“ Mahnung ja, Konsequenz nein. Die Berliner SPD braucht die Linke, um überhaupt mitzuregieren.


Auf der Straße ist es still. Keine Großdemonstration, kein Aufstand der Anständigen, kein Bündnis von links bis konservativ, das sich sichtbar vor seine jüdischen Nachbarn stellt. Jüdinnen und Juden in dieser Stadt haben in den vergangenen drei Jahren viele Worte gehört. Betroffenheit nach dem 7. Oktober. Lichterketten. Mahnwachen. Jahrestage. Was fehlt, ist der Moment, in dem Parteien der Mitte bereit sind, für diese Haltung auch etwas zu riskieren, etwa eine Regierungsbeteiligung. Lippenbekenntnisse schützen niemanden auf dem Heimweg vom Gemeindezentrum.


Und dann ist da eine Beobachtung, die weh tut. Die Aktuelle Stunde im Bundestag zum Antisemitismus in der Berliner Linken hat die AfD beantragt. Dass sich ausgerechnet eine Partei, der man in Sachen Geschichtsrevisionismus wenig durchgehen lassen sollte, als Schutzmacht der Juden inszeniert, sollte niemanden beruhigen. Es sollte die demokratische Mitte beschämen. Wer dieses Feld räumt, überlässt es denen, die es am wenigsten verdienen. In derselben Debatte räumte übrigens ein Redner der Linken selbst ein, dass „einige Mitglieder die Israelkritik deutlich überziehen".


Die AfD weiß das genau. In einem Strategiepapier, das Politico im Juli 2025 veröffentlichte, beschreibt sie ihren Plan: SPD und Grüne durch Polarisierung nach links drängen, bis die Gräben zur Union unüberwindbar werden. Bei Miosga sagte Beatrix von Storch am Wahlabend ganz offen, was sie in Berlin sieht: „Das Lager wird nicht größer, aber es wird regierungsunfähiger.“ Ein Bündnis mit der Linken ohne klare Bedingungen wäre genau der Zug, den die AfD sich wünscht.


Ein Blick in die Geschichtsbücher

Wer auf Instagram und TikTok junge Menschen sieht, die den Sozialismus feiern, darf fragen, was davon im Geschichtsunterricht hängen geblieben ist. Das 20. Jahrhundert kennt die Bilanz: Unter Stalin starben Millionen Menschen durch Terror, Lager und Hunger, der Nationalsozialismus ermordete sechs Millionen Juden. Niemand behauptet, die Berliner Linke sei Stalin. Aber wer mit dem Wort Sozialismus kokettiert, sollte wissen, wofür es überall dort stand, wo es mit Zwang durchgesetzt wurde.


Dass gemeinschaftliches Leben auch anders geht, zeigt ausgerechnet Israel. Die Kibbuzim lebten über Jahrzehnte von gemeinsamem Eigentum und gleichem Budget für alle. Das funktionierte, weil es freiwillig war. Als die Menschen es nicht mehr wollten, wurden die meisten Kibbuzim schrittweise privatisiert. Demokratisch, ohne einen einzigen Toten.


Es waren übrigens Kibbuzim wie Be'eri, Kfar Aza und Nir Oz, deren Bewohner am 7. Oktober 2023 ermordet und verschleppt wurden. Viele von ihnen waren Linke und Friedensaktivisten. Vivian Silver aus Be'eri fuhr jahrelang kranke Menschen aus Gaza, oft Kinder, in israelische Kliniken. Sie wurde am 7. Oktober ermordet. Wer heute in Berlin von links gegen Israel mobil macht, sollte das wissen.


Sukkot: die Tür, nicht die Mauer

Zurück zur Laubhütte. Sukkot erinnert an Unsicherheit, Wanderschaft und die Hoffnung auf Schutz. Für einige Tage wird die Sukka zum Mittelpunkt: ein einfacher, verletzlicher Ort, an dem Menschen zusammenkommen und Gäste willkommen sind.


Darin liegt eine Botschaft, die weit über Religion hinausgeht. Menschlichkeit zeigt sich nicht darin, wie hoch wir Mauern ziehen, sondern darin, wem wir die Tür öffnen.


Gerade jetzt bekommt dieser Gedanke Gewicht. Kritik an der israelischen Regierung ist legitim, so wie Kritik an jeder Regierung. Wo aber aus Kritik Hass auf Israel wird, wo der jüdische Staat dämonisiert oder Juden angefeindet werden, ist eine Grenze überschritten. Eine offene Gesellschaft muss jüdisches Leben nicht dulden. Sie muss es selbstverständlich schützen.


Die Sukka hat keine Mauern. Aber sie hat ein Dach und eine Ordnung. Jeder Gastgeber weiß: Wer die Tür für alle öffnet, muss auch wissen, wen er nicht hereinlässt.


Was Berlin jetzt braucht

Berlin lebt von Gästen. Von Touristen, von Kongressen, von Menschen aus aller Welt, die hier arbeiten, feiern und bleiben wollen. Eine Stadt, in der sich eine Minderheit nicht mehr sicher fühlt, verliert ihren Ruf als weltoffene Metropole schneller, als jede Imagekampagne ihn zurückholen kann. Der Reiz Berlins hat ohnehin gelitten. Diese Lage macht es nicht besser.


Die pragmatische Vision ist dabei gar nicht kompliziert: bauen statt enteignen. Eine Verwaltung, die funktioniert. Eine Polizei, die präsent ist. Ein Haushalt, der ehrlich rechnet. Und eine Politik, die Antisemitismus nicht nur benennt, sondern Konsequenzen zieht: in Parteien, in Schulen, auf der Straße.


An Grüne und SPD geht deshalb eine einfache Frage: Zu welchen Bedingungen? Wer mit der Linken verhandelt, sollte vor jedem Koalitionsvertrag Folgendes verlangen:

  • Einen Unvereinbarkeitsbeschluss der Berliner Linken: Wer die Hamas verharmlost, Israel das Existenzrecht abspricht oder mit PFLP-nahen Gruppen auftritt, hat in der Partei keinen Platz.

  • Personelle Konsequenzen statt ruhender Funktionen, beginnend mit einer Klärung im Fall Koçak.

  • Die IHRA-Definition von Antisemitismus als verbindliche Grundlage für Senat, Verwaltung und Förderpolitik.

  • Keine Kürzungen beim Schutz jüdischer Einrichtungen, weder bei der Polizei noch bei den Sicherheitskonzepten.

  • Einen unabhängigen Antisemitismusbericht jedes Jahr vor dem Abgeordnetenhaus, mit messbaren Zielen.


Wer ohne solche Zusagen mit der Linken regiert, reißt nicht eine Brandmauer ein. Er gibt die Anstandsgrenze der demokratischen Mitte auf.


Eine persönliche Anmerkung

Als jüdischer Berliner empfinde ich das, was gerade in dieser Stadt passiert, als Schande.


Über eine Brandmauer gegen rechts wird zu Recht gesprochen. Über die Linke wird geredet, aber nicht gehandelt. Dabei liegen die Dinge offen auf dem Tisch. In Niedersachsen beschloss der Landesverband im März, den „real existierenden Zionismus“ abzulehnen. Die jüdischen Gemeinden dort kündigten daraufhin die Freundschaft auf: „Das Tischtuch ist zerschnitten.“ In Berlin werden Menschen angegriffen, weil sie eine Kippa oder einen Davidstern tragen oder auf der Straße Hebräisch sprechen. Und auf einer Veranstaltung der Neuköllner Linken rief Ende August ein Rapper „Yalla, yalla Intifada“ und „Death to the IDF“. Elif Eralp distanzierte sich anschließend, inzwischen ermittelt die Polizei.


In Berlin gibt es im Grunde nur noch links oder rechts. Und das in einer Stadt, die zweimal befreit wurde: 1945 vom Nationalsozialismus, 1989 von der SED-Diktatur. Eine Stadt mit dieser Geschichte hätte es besser wissen müssen.


Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur, wer mit wem koaliert. Sie lautet: Hat jüdisches Leben in Berlin eine Zukunft? Dass man diese Frage im Jahr 2026 überhaupt wieder stellen muss, sagt über den Zustand dieser Stadt mehr als jedes Wahlergebnis.


Gehen? Auch darüber denken inzwischen Menschen nach. Doch wer geht, überlässt die Stadt denen, die uns hier nicht haben wollen. Wer bleibt, darf nicht mehr schweigen.

Chag Sukkot Sameach.



Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Für die Recherche wurden KI-gestützte Werkzeuge und klassische Suchmaschinen genutzt. Die abschließende Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik erfolgte mit technischer Unterstützung. Inhalt, Argumentation und Haltung stammen vom Autor.

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