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Yom Kippur in Berlin: Vergeben ja. Vergessen nein

vor 5 Stunden
7 Min. Lesezeit
Illustration zum Essay „Vergeben ja. Vergessen nein.“: Auf einer Fensterbank liegen ein jüdisches Gebetbuch und ein weißer Tallit mit schwarzen Streifen. Dahinter zeigt sich Berlin mit Spree, Reichstag und Fernsehturm im kühlen Abendlicht. Der Essay verbindet die Berlinwahl am Vorabend von Jom Kippur mit Fragen nach politischer Verantwortung, Antisemitismus und jüdischem Leben. Im Mittelpunkt stehen Selbstprüfung, glaubwürdige Umkehr und die Bedeutung des Erinnerns.
Bild: KI - Jom Kippur in Berlin: Vergeben ja. Vergessen nein

Berlin wählt an Erew Yom Kippur. Über einen Tag, der Versöhnung an eine Bedingung knüpft


Um 18 Uhr schließen heute die Berliner Wahllokale. Gut eine Stunde später sinkt die Sonne über der Stadt, in den Synagogen erhebt sich die Gemeinde, und der Kantor beginnt Kol Nidre. Zwei Kalender, die nichts voneinander wissen, treffen an diesem Abend aufeinander: der politische und der jüdische. Wer heute seine Stimme abgibt, steht wenige Stunden später vor einer ganz anderen Frage – nicht, wer regieren soll, sondern wer man selbst im vergangenen Jahr gewesen ist.


Kol Nidre ist dabei kein Gebet, sondern eine Rechtsformel. Dreimal vorgetragen, jedes Mal lauter, vor einem Gericht aus drei Männern mit Torarollen im Arm, noch bei Tageslicht – denn an Jom Kippur selbst darf kein Gericht mehr tagen. Aufgelöst werden Gelübde zwischen Mensch und Gott. Ausdrücklich nicht das, was zwischen Menschen offen ist.


Was dieser Tag verlangt

Yom Kippur ist kein besinnlicher Feiertag mit Kerzen und gutem Essen. Fünfundzwanzig Stunden ohne Speise und Trank, weiße Kleidung wie ein Leichentuch, ein Tag, an dem das Alltägliche schlicht ausgesetzt wird. Wer ihn zum ersten Mal erlebt, ist überrascht, wie körperlich das ist. Und wie schonungslos.


Im Zentrum steht ein Satz, der es in sich hat. Die Mischna formuliert ihn in Joma 8,9: Verfehlungen zwischen Mensch und Gott sühnt der Tag. Verfehlungen zwischen Mensch und Mensch sühnt er nicht – solange der Geschädigte nicht besänftigt wurde. Keine Absolution per Kalender. Keine Vergebung auf Zuruf. Wer etwas gutzumachen hat, muss zum anderen gehen, es benennen, es abstellen. Maimonides beschreibt die Umkehr entsprechend als Weg, der nicht bei der Einsicht endet: Zu Reue und Bekenntnis treten Wiedergutmachung und geändertes Handeln.


Das ist der Grund, warum in jüdischen Familien in diesen Tagen Telefonate geführt werden, die man das ganze Jahr über vermieden hat. Mit dem Bruder, mit dem Kollegen, mit dem Freund, dem man im Streit den Rücken gekehrt hat. Manche dieser Gespräche sind kurz und peinlich. Manche retten etwas.


Die eigene Spalte

Zur Ehrlichkeit gehört, dass dieser Tag zuerst für den gilt, der ihn beschreibt.

In diesem Jahr habe ich Menschen abgeschrieben, weil ein einziger Satz von ihnen mir gereicht hat. Habe Gespräche nicht geführt, weil das Ergebnis ohnehin feststand. Habe geschwiegen, wo Widerspruch fällig gewesen wäre, und laut geurteilt, wo Nachfragen klüger gewesen wäre. Wut macht schnell, aber nicht genau.

Was danach folgt, ist deshalb kein Urteil von außen. Es ist der Maßstab, den dieser Tag aufstellt – und der gilt in beide Richtungen.


Ein Prinzip, das sich nicht auf Privates beschränken lässt

Genau hier wird Jom Kippur unbequem für die politische Debatte. Denn wer Versöhnung ernst nimmt, darf sie nicht mit Gleichgültigkeit verwechseln. Vergeben heißt nicht: so tun, als sei nichts geschehen. Vergeben setzt voraus, dass jemand aufhört.


Die Meldestelle RIAS hat für 2025 2.197 antisemitische Vorfälle in Berlin dokumentiert – im Schnitt sechs pro Tag. Darunter 40 Angriffe, darunter ein lebensgefährlicher Messerangriff am Holocaust-Mahnmal. Und 239 Vorfälle im Umfeld von Versammlungen, der höchste je erfasste Wert. Gegenüber dem Rekordjahr 2024 mit über 2.500 Vorfällen ist das ein Rückgang – und liegt trotzdem beim Doppelten dessen, was vor 2023 gezählt wurde. Von Entwarnung redet bei RIAS niemand.


Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, hat den Befund vor gut einer Woche im Repräsentantensaal an der Oranienburger Straße auf einen Satz gebracht: An den Gemeindeschulen sitzen inzwischen Hunderte jüdische Flüchtlinge – aus Berlin. Nicht aus Kiew, nicht aus Odessa. Aus Neukölln, aus Mitte, aus Charlottenburg.


Was auf die Distanzierung folgt

Ende August trat bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken der Rapper Dahabflex auf und rief „Yalla Yalla Intifada" und „Death to the IDF". Die anwesenden Verantwortlichen schritten nicht ein. Die Polizei prüft die Strafbarkeit der Parolen.


Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, nannte das Geschehen „keine Panne im Kulturprogramm, sondern eine bewusste Positionierung" und die nachträgliche Distanzierung der Parteispitze „nicht ausreichend". Sein Schluss: „Einer Partei, die auf ihrer eigenen Wahlkampfbühne nicht einschreitet, wenn zu Gewalt gegen Menschen aufgerufen wird, kann keine Regierungsverantwortung anvertraut werden."


Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte, sie sei entsetzt, und kündigte Konsequenzen an. Welche das sein sollen und ob Verantwortliche ihre Funktionen verlieren, ließ sie offen – auch drei Wochen später noch, wie Euronews am 18. September berichtete. Fragen der Redaktion ließ ihr Büro unbeantwortet: aus zeitlichen Gründen, fünf Tage vor der Wahl.


Am 9. September saß sie im Gemeindehaus an der Oranienburger Straße, neben drei anderen Spitzenkandidaten, und wandte sich dort dagegen, „mit Repression besonders stark bei solchen Demonstrationen vorzugehen, die Palästina-Solidarität ausdrücken möchten". Sie wolle „umarmende Politik machen für den Schutz von jüdischem, muslimischem und palästinensischem Leben".


Die Umkehr bleibt damit dort stehen, wo sie am wenigsten kostet. Angekündigt ist vieles, benannt wenig. Welche Konsequenzen tatsächlich gezogen wurden – das ist die Frage, die vor einer Regierungsbeteiligung zu beantworten wäre.


Zwei Ränder, keine Heimat

Worüber wird heute eigentlich abgestimmt? Über Mieten. Über Schulen, in denen im Winter die Heizung ausfällt. Über Ämter, bei denen ein Termin drei Monate dauert. Über eine Verwaltung, die seit Jahren digitalisiert werden soll und es nicht wird.


Den lautesten Ton in diesem Wahlkampf habe ich dennoch woanders gehört. Er kam aus Gaza.


Ein Berliner Senat verhandelt keine Waffenruhe in Gaza. Er trägt aber Verantwortung für die Sicherheit vor einer Synagoge, auf dem Schulweg und bei einer Demonstration. Daran müssen sich die Parteien messen lassen. Wer über den Krieg spricht, muss erklären, wie er verhindert, dass Menschen in Berlin für die Politik einer Regierung verantwortlich gemacht werden – weil sie Juden sind oder dafür gehalten werden.


Für mich ist diese Wahl deshalb keine Auswahl, sondern eine Zumutung. Andere in der Gemeinde sehen das anders, und das ist ihr gutes Recht. Der Schwerpunkt dieses Textes liegt auf der Linken – nicht, weil der Rand rechts harmloser wäre, sondern weil nur eine der beiden Parteien morgen tatsächlich regieren könnte.


Am rechten Rand bietet sich eine Partei als Schutzmacht gegen importierten Judenhass an, deren Führungsfiguren die deutsche Geschichte zur Nebensache erklärt haben. Alexander Gauland nannte zwölf Jahre Nationalsozialismus einen „Vogelschiss" in tausend Jahren deutscher Geschichte. Björn Höcke sprach vom „Denkmal der Schande" im Herzen der Hauptstadt. Wer so redet, kann kein Schutzraum für Juden sein – denn der Schutz jüdischen Lebens in Deutschland ruht auf genau der Erinnerung, die hier weggeräumt werden soll. Man kann nicht das Fundament abtragen und gleichzeitig anbieten, das Haus zu bewachen.


Am linken Rand steht eine Partei, deren Umgang mit dem Vorfall in Neukölln der Zentralrat für so gravierend hält, dass er ihr die Regierungsfähigkeit abspricht. Die Reaktion der Parteispitze blieb bei der Distanzierung stehen.


Und die Mitte? Die CDU hat als einzige Partei eine Koalition mit der Linken ausgeschlossen. Das ist eine Haltung, aber keine Bilanz. Die Zahlen liegen nach Jahren CDU-geführter Regierung weiterhin auf hohem Niveau, und der Schutz jüdischer Einrichtungen ist längst vom Ausnahmefall zur Dauereinrichtung geworden. Wie sich daran etwas ändern soll, war in diesem Wahlkampf kaum zu hören.


SPD und Grüne halten sich die Tür zur Linken bis heute offen. Wer wissen will, worüber heute tatsächlich abgestimmt wird, findet die Antwort an dieser Stelle.


Warum eigentlich nicht reden?

Nicht wegmoderieren, nicht beschwichtigen. Reden. Mit Zahlen, mit Belegen, mit harten Argumenten und ausgehaltenem Widerspruch. Eine Demokratie verträgt scharfen Streit – sie verträgt nur keinen, bei dem die Gegenseite verschwinden soll.


Warum muss es stattdessen Hass sein? Warum reicht es nicht, eine Mietenpolitik für falsch zu halten, ohne dem Gegenüber gleich die Anständigkeit abzusprechen? Warum wird aus der Kritik an einer Regierung in Jerusalem bei manchen der Zweifel daran, ob dieser Staat überhaupt existieren darf – und warum fällt denen, die diesen Schritt gehen, nicht auf, dass sie die Debatte damit verlassen haben? Wer einem Land das Existenzrecht bestreitet, diskutiert nicht mehr über Politik. Er diskutiert über Menschen.


„Yalla Yalla Intifada" ist kein Beitrag zu irgendetwas. Hinter diesem Ruf stehen Busse, Cafés und Diskotheken. Wer ihn auf einer Wahlkampfbühne aushält, ohne aufzustehen und zu gehen, darf sich nicht wundern, dass Menschen in dieser Stadt ihre Kette unter dem Hemd tragen und die Kippa unter der Mütze.


Und dann gibt es diesen einen Satz, der am schwersten fällt und am wenigsten kostet: Das war falsch, Entschuldigung. Er hat noch niemanden kleiner gemacht.


Miteinander leben, miteinander arbeiten – in einem Hotel, in einem Klassenzimmer, in einem Kiez – funktioniert nicht über Bekenntnisse und Statements. Es funktioniert über Umgangsformen. Über Respekt. Und genau der ist in Teilen dieser Stadt abhandengekommen.


„Er möge sich erinnern"

Am Montagmorgen, nach der Lesung aus der Tora, wird in den Synagogen ein Gebet gesprochen, das nur viermal im Jahr vorkommt: Jiskor. Der Name ist selbst schon der Inhalt – er möge sich erinnern. Gemeint ist Gott. Erinnert werden Vater und Mutter, die Großeltern, alle, die fehlen.


Dazu gehört ein Moment, der Besucher zunächst irritiert: Wer beide Eltern noch hat, verlässt in vielen Gemeinden den Raum. Die Türen öffnen sich, jüngere Leute strömen hinaus. Im Raum bleiben jene, die ihrer verstorbenen Eltern gedenken. Der Saal wird leerer und stiller zugleich.


Dann folgt der Teil, der über die eigene Familie hinausgeht. Gedacht wird der Kedoschim, der Ermordeten. Der sechs Millionen. In vielen Gemeinden auch der Gefallenen und der Opfer des Terrors.


In Berlin wird dieses Gebet in Häusern gesprochen, vor denen Polizei steht. An den hohen Feiertagen wird der Schutz jüdischer Einrichtungen verstärkt. Wer am höchsten Feiertag des Jahres zum Beten geht, geht an Beamten vorbei. In der Gemeinde findet das kaum noch jemand bemerkenswert.


Damit hat dieser Tag zwei Bewegungen, die sich nicht widersprechen, sondern einander halten. Die eine fragt: Wem muss ich entgegengehen? Die andere sagt: Vergiss nicht, was war. Vergeben ja. Vergessen nein.


Erinnern ist dabei keine Sentimentalität, sondern eine Arbeitsanweisung. Es heißt: hinschauen, wenn es wieder anfängt. Nicht erst, wenn es unübersehbar geworden ist.


Was bleibt

Versöhnung verlangt mehr als die Bitte, einen Schlussstrich zu ziehen. Sie verlangt, dass etwas aufhört.


Wer morgen fastet, denkt an alle, bei denen etwas offen ist – und an die eigenen blinden Flecken gleich mit. Der Tag lässt niemanden aus, auch den nicht, der ihn beschreibt.


Heute Abend, wenn die Hochrechnungen laufen, füllen sich in Berlin die Synagogen. Gebetet wird für ein gutes neues Jahr. In einem guten Jahr bräuchte es keine Polizei, um die Menschen in einer Synagoge zu schützen. Mehr ist es nicht. Weniger auch nicht.


Gmar Chatima Tova – auf ein gutes Zeichen im Buch des Lebens.

Ab Sonnenuntergang beginnt Yom Kippur. Antworten auf Kommentare gibt es deshalb erst ab Montagabend. Nicht aus Desinteresse — es ist der einzige Tag im Jahr, an dem alles andere wartet.


Quellen

RIAS Berlin, Jahresbericht 2025, veröffentlicht am 20.05.2026 · Jüdische AllgemeineZentralrat der Juden zum Vorfall in Neukölln, 01.09.2026 · Jüdische AllgemeineWahlkampfdebatte im Gemeindehaus vom 09.09.2026, Bericht vom 10.09.2026 · Jüdische AllgemeineAntisemitismus in der Berliner Linkspartei, 18.09.2026 · EuronewsJom Kippur 5787, Beginn und Ende · HebcalÖffnungszeiten der Wahllokale · t-online Berlin


Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Für die Recherche wurden KI-gestützte Werkzeuge und klassische Suchmaschinen genutzt. Die abschließende Prüfung von Rechtschreibung und Grammatik erfolgte mit technischer Unterstützung. Inhalt, Argumentation und Haltung stammen vom Autor.

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