Gastgeber sein heißt Haltung zeigen – auch wenn es unbequem wird
- Zeev Rosenberg
- 28. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Jahresende ist nicht nur Rückblick, sondern Standortbestimmung.
Warum Haltung, Werte und Verantwortung für unsere Branche 2026 entscheidend sind.

2026 steht vor der Tür. Die angeblich „besinnliche“ Zeit liegt hinter uns – und warum diese Tage je als besinnlich galten, bleibt weiterhin fraglich. Vor Weihnachten dominieren Hektik, Erwartungsdruck und Pflichtprogramme. Termine müssen erledigt, Geschenke organisiert, familiäre Balanceakte gemeistert werden. Besinnung findet frühestens zwischen den Jahren statt. Wenn überhaupt.
Jetzt ist der Moment für den nüchternen Rückblick. Nicht verklärt, nicht sentimental, sondern ehrlich: Was lief gut, was war anstrengend, was hat Wirkung gezeigt – und wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?
Privat gab es wenig Grund zur Klage. Beruflich überwiegt Dankbarkeit. Dankbarkeit, in einem besonderen Haus wie dem SO/ Berlin Das Stue wirken zu dürfen. Dankbarkeit für engagierte Mitarbeitende, unterstützende Inhaber und ein Jahr, das schnell, fordernd und erfolgreich war. Viel wurde erreicht, vieles angestoßen, manches sichtbar verbessert. Vollkommenheit war nie das Ziel – Entwicklung schon.
Zimmer werden Schritt für Schritt saniert, das neue Restaurantkonzept läuft an und wird angenommen, Gäste kehren zurück und schätzen die besondere Atmosphäre. Das Weihnachtsgeschäft zeigte klar: Vertrauen ist da, Nachfrage auch. An dieser Stelle gebührt den Mitarbeitenden besonderer Dank. Ohne Einsatz, Haltung und Verlässlichkeit wäre dieses Jahr nicht so verlaufen. Auch die Inhaber haben Veränderungen ermöglicht, Ideen mitgetragen und Entscheidungen unterstützt. Dafür ein klares Dankeschön.
Der Blick auf die Branche fällt gemischt aus. Die Rückkehr der 7 % Mehrwertsteuer auf Speisen ist ein wichtiges Signal. Anerkennung gebührt hier ausdrücklich dem DEHOGA Bundesverband sowie Ingrid Hartges und Guido Zöllick – ohne deren Einsatz wäre dieser Erfolg nicht zustande gekommen. Einige Betriebe – auch wir – geben diesen Vorteil anteilig und bewusst an die Gäste weiter. Ein positives Zeichen, das Vertrauen schafft und zeigt, dass Entlastung nicht nur eingefordert, sondern auch geteilt werden kann. Andere Landesverbände und deren Vorstände empfehlen diesen Schritt nicht, was ein Fehler ist. Kurzfristig mag das bequem erscheinen, strategisch ist es kurzsichtig. Wer ausschließlich nimmt, darf sich über ausbleibende Gäste nicht wundern.
Was diese Mehrwertsteuer-Debatte deutlich macht: Wirtschaftliche Entscheidungen sind immer auch Werteentscheidungen. Fairness, Augenmaß und Verantwortung zahlen langfristig auf Vertrauen ein – bei Gästen ebenso wie bei Mitarbeitenden. Wer Entlastungen erhält, trägt Verantwortung dafür, wie damit umgegangen wird. Genau hier trennt sich Haltung von bloßer Interessenvertretung.
Was die Branche jetzt braucht, sind mehr Persönlichkeiten und weniger Selbstdarsteller. Weniger Menschen, die sich profilieren wollen und dabei glauben, sie täten etwas für die Branche – und mehr Menschen mit Haltung, Verantwortung und Bodenhaftung. Die Hotellerie und Gastronomie sind großartig, gerade weil sie Tradition, Gegenwart und Zukunft verbinden können. Menschen werden immer essen gehen. Menschen werden immer Hotels brauchen. Arroganz, Überheblichkeit und mangelnde Wertschätzung allerdings braucht niemand.
Werte gehören untrennbar zu dieser Branche. Hotellerie und Gastronomie funktionieren nur durch Offenheit, Respekt und Vielfalt. Rassismus, Antisemitismus, die Ausgrenzung von LGBTQ+-Menschen sowie linker und rechter Extremismus stehen dazu im direkten Widerspruch – immer. Wer Menschen aufgrund von Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder Identität abwertet oder bedroht, greift nicht nur Einzelne an, sondern das Fundament unserer Branche. Hotels und Restaurants sind Orte der Begegnung, keine Bühnen für Ideologien. Extremismus und Menschenfeindlichkeit – egal aus welcher Richtung – haben historisch nie Lösungen gebracht, sondern immer Spaltung, wirtschaftlichen Schaden und menschliches Leid. Verantwortung bedeutet, das klar zu benennen und dem entschieden entgegenzutreten.
Genau hier beginnt Inklusion. Werte, Offenheit und klare Haltung dürfen nicht erst in Krisen sichtbar werden, sie müssen im Alltag unserer Betriebe gelebt werden. Inklusion bedeutet, dass alle Mitarbeitenden wissen, wofür dieses Haus steht – und wofür nicht. Respekt, Vielfalt sowie klare Grenzen gegenüber Rassismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Extremismus sind kein Zusatz, sondern Teil der Unternehmenskultur. Inklusion ist keine Maßnahme und kein Schlagwort, sondern Führungsaufgabe. Wer Haltung erwartet, muss sie vorleben, erklären und konsequent einfordern.
Wenn nicht wir als Branche klar gegen jeglichen Extremismus Stellung beziehen und diesen verurteilen – wer dann? Mitarbeitende und Gäste kommen aus der ganzen Welt, aus unterschiedlichsten Kulturen, Religionen und Lebensrealitäten. Genau deshalb braucht es mehr Toleranz, mehr Respekt und gleichzeitig eine klare Grenze. Neutralität darf hier nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Haltung bedeutet, diesen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten und sie aktiv zu bekämpfen – leise, konsequent und ohne ideologische Spielchen.
Wir sollten – nein, wir müssen unsere liberalen und demokratischen Werte schützen und verteidigen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret im Alltag unserer Betriebe. Es darf nicht zugelassen werden, dass radikale Kräfte – gleich aus welcher Richtung – die Oberhand gewinnen. Diese Werte sind kein Lippenbekenntnis, sie müssen gelebt und vorgelebt werden: im Umgang mit Mitarbeitenden, mit Gästen, in Führung, Kommunikation und Entscheidungen. Wer Gastgeber sein will, muss Haltung zeigen. Alles andere wäre bequem – aber verantwortungslos.
Die Branche lebt von Menschen. Von vielen sehr guten. Kolleginnen und Kollegen, die nicht aus Ego handeln, sondern aus Verantwortung für das große Ganze. Ohne Namen zu nennen: Gut, viele davon zu kennen. Natürlich existiert auch die andere Seite. Egotrips, öffentliche Profilierung, politische Nebenkriegsschauplätze. CC-Mails statt Gespräche, Social-Media-Markierungen statt Anrufe. Laut, billig und unerquicklich. Wer den direkten Dialog scheut und öffentlich den Pranger sucht, verspielt Respekt. Anerkennung entsteht durch Haltung – nicht durch digitale Lautstärke.
Lasst uns diese starke Branche auch 2026 klug, innovativ und verantwortungsvoll voranbringen. Mit Persönlichkeit statt Ego, mit Dialog statt Selbstdarstellung und mit Haltung statt Bequemlichkeit. Gastgeber zu sein bedeutet, offen zu bleiben, Grenzen zu ziehen und Verantwortung zu übernehmen – auch dann, wenn es unbequem wird. Genau darin lag immer die Stärke dieser Branche. Und genau darin liegt auch ihre Zukunft.
Hospitality ist nicht nur ein Wort. Es ist eine Berufung. Gastgeber zu sein heißt, sich selbst zu hinterfragen, Gäste wirklich zu mögen – und dennoch einen eigenen Standpunkt zu haben. Rückgrat zu zeigen, Haltung zu bewahren und nicht jedem Applaus hinterherzulaufen, gehört genauso dazu wie Service und Freundlichkeit. Genau das erwarten Gäste heute: Authentizität, Klarheit und Menschen, die wissen, wofür sie stehen.
Hospitality ist nicht nur ein Wort. Es ist eine Berufung – und es ist Haltung.









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