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Knigge ist kein Relikt – sondern Teil professioneller Kultur

  • Autorenbild: Zeev Rosenberg
    Zeev Rosenberg
  • 29. März
  • 4 Min. Lesezeit
Bild: KI - Knigge ist kein Relikt – sondern Teil professioneller Kultur
Bild: KI - Knigge ist kein Relikt – sondern Teil professioneller Kultur

Knigge ist kein Relikt – sondern Teil professioneller Kultur

Mit Kollegen, Partnern und Mitarbeitenden spricht man. Über sie spricht man nicht


Eigentlich ist damit schon viel gesagt. Und zugleich ziemlich genau beschrieben, woran es heute oft fehlt.


Die Hospitality lebt vom Umgang mit Menschen. Gerade deshalb fällt auf, wie oft ausgerechnet daran gespart wird. Über Service, Qualität und Gastlichkeit wird viel gesprochen. Über Benehmen und Umgangsformen deutlich seltener. Dabei gehört genau das zum Fundament.

Ein Haus kann noch so schön sein: Wenn am Empfang niemand aufblickt, beim Gruß der Blickkontakt fehlt und der Ton eher mechanisch als aufmerksam wirkt, ist der erste Eindruck beschädigt.


Gastlichkeit scheitert selten am Mobiliar. Meist scheitert sie am Umgang.

Der Name Knigge wird heute gern auf Tischregeln und Etikette verkürzt. Tatsächlich ging es Adolph Freiherr von Knigge in seinem Werk „Über den Umgang mit Menschen“ um etwas Grundsätzlicheres: um Rücksicht, Respekt und einen vernünftigen Umgang miteinander. Genau deshalb passt das Thema so gut in die Gegenwart.


Denn diese Grundlagen sind vielerorts brüchig geworden. Nicht nur in der Hospitality. Auch in anderen Bereichen des Berufslebens und im Alltag lässt sich beobachten, wie schnell Umgangsformen als Nebensache behandelt werden. Was einmal selbstverständlich war, muss heute oft erst wieder erklärt werden.

Dabei geht es nicht um steife Regeln. Und auch nicht um Nostalgie. Es geht um Respekt. Um die einfache Frage, wie wir anderen Menschen begegnen.

Gastlichkeit zeigt sich nicht im Interieur allein, sondern im Umgang mit Menschen.


Das merkt man schnell. Wer grüßt, zuhört, pünktlich ist, sich bedankt, andere ausreden lässt und respektvoll auftritt, macht das Miteinander leichter. Im Hotel. Im Restaurant. Im Büro. Bei einem Geschäftsessen. Und ganz sicher auch im Alltag.


Umgekehrt fällt ebenso schnell auf, wenn der äußere Auftritt stimmt, die Haltung dahinter aber nicht. Dann wirkt jemand korrekt, bleibt im Ton aber kühl. Dann ist alles formal in Ordnung, nur das Interesse am Gegenüber fehlt. Freundlichkeit klingt einstudiert, nicht selbstverständlich. Souveränität kippt in Überheblichkeit. Klarheit wird mit Härte verwechselt. Professionalität mit Distanz.


Knigge hat dafür einen Satz formuliert, der bis heute trägt:„Strebe nach Vollkommenheit, aber nicht nach dem Scheine der Vollkommenheit.“

Mehr muss man dazu fast nicht sagen. Wer nur korrekt auftreten will, aber keine Aufmerksamkeit für andere hat, verfehlt den Kern. Gute Umgangsformen sind keine Bühne. Sie zeigen sich dort, wo Respekt nicht behauptet, sondern praktiziert wird.


Auch ein anderer Gedanke von Knigge hat nichts an Schärfe verloren:„Enthülle nie auf unedle Art die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben!“


Der Satz passt bis heute. Wer andere kleinmacht, bloßstellt oder ihnen mit kühler Überlegenheit begegnet, mag formal korrekt auftreten. Anständig wirkt es trotzdem nicht.


Knigge zeigt sich im Kleinen: im Gruß, im Blickkontakt, im Zuhören, im Ton und in der Fähigkeit, auch unter Druck verbindlich zu bleiben.

Dazu gehört auch die Art der Begrüßung. Wer einem anderen Menschen begegnet, sollte das aufmerksam und verbindlich tun. Ein guter, fester Handschlag kann dort, wo er passt, ein Zeichen von Präsenz, Respekt und Verlässlichkeit sein. Nicht als Machtdemonstration, sondern als Ausdruck von Haltung.


Auch im Geschäftsleben ist das kein Nebenthema. Ein professioneller Gruß, eine respektvolle E-Mail, ein verlässlicher Rückruf, Pünktlichkeit, Aufmerksamkeit im Gespräch und ein sauberer Umgang mit Widerspruch wirken oft stärker als jede perfekt gebaute Präsentation. Menschen erinnern sich nicht nur an Inhalte. Sie erinnern sich daran, wie ihnen begegnet wurde.


Und guter Umgang zeigt sich nicht nur gegenüber Gästen oder Kunden. Er zeigt sich genauso im Verhältnis zu Kolleginnen und Kollegen, zu Partnern und innerhalb von Teams. Wer professionell arbeitet, spricht mit Menschen und nicht über sie. Kritik gehört in ein direktes, respektvolles Gespräch und nicht in den Flurfunk, nicht in Nebensätze und nicht in informelle Runden. Auch daran lässt sich Haltung erkennen: am fairen Ton, an Loyalität, an Klarheit und an der Bereitschaft, Differenzen offen anzusprechen, statt Vertrauen im Hintergrund zu beschädigen.


Besonders sichtbar wird das oft bei gemeinsamen Mahlzeiten. Nicht aus Snobismus. Sondern weil dort Rücksicht, Aufmerksamkeit und Selbstverständnis sichtbar werden. Wer am Tisch keinerlei Gespür für andere zeigt, zeigt meist auch an anderer Stelle wenig Sensibilität.


Und das gilt nicht nur für die Hospitality, sondern ebenso für Politik, Journalismus und Wirtschaft. Auch dort wird zu oft übereinander gesprochen statt miteinander. Wer Verantwortung trägt, prägt mit Sprache und Haltung weit mehr als nur das eigene Umfeld. Geht dort Maß verloren, leidet nicht nur das Miteinander im Inneren, sondern am Ende auch die Glaubwürdigkeit nach außen.

Was also tun?


Mehr Verbindlichkeit beginnt nicht in Leitbildern, sondern im Alltag – in Schulen, in Ausbildungen und in Unternehmen.

Dort fängt es an. Wie begrüße ich jemanden richtig? Wie verabschiede ich mich professionell? Wie widerspreche ich, ohne respektlos zu werden? Wie spreche ich mit Mitarbeitenden, ohne sie vor anderen bloßzustellen? Wie bleibe ich freundlich, ohne beliebig zu wirken, und klar, ohne hart zu werden?

Auch Betriebe tragen Verantwortung. Wer über Service, Führung und Kultur spricht, sollte den Umgang miteinander nicht ausklammern. Benehmen ist kein Randthema. Es gehört zur Qualität eines Hauses, zur Glaubwürdigkeit einer Führung und zur Wirkung einer Marke.


Gerade in einer Zeit, in der der Ton vielerorts rauer geworden ist, wäre mehr Verbindlichkeit kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt. Nicht weil früher alles besser war. Sondern weil bestimmte Grundlagen nie an Wert verlieren.

Form ist wichtig. Haltung ist wichtiger.


Knigge ist kein nostalgisches Nebenthema, sondern Teil professioneller Kultur. Gerade in der Hospitality entscheidet sich Qualität nicht nur an Standards, sondern am Umgang mit Menschen. Wer Gastlichkeit ernst nimmt, sollte deshalb auch Respekt, Aufmerksamkeit und Anstand wieder ernster nehmen. Das gilt gegenüber Gästen ebenso wie gegenüber Kolleginnen, Kollegen, Partnern und Mitarbeitenden. Denn gutes Benehmen zeigt sich nicht nur im Auftritt nach außen, sondern vor allem darin, wie innerhalb eines Hauses, eines Unternehmens oder einer Institution miteinander gesprochen und umgegangen wird.

 
 
 

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